9. Jahrgang Nr. 12 / 18. Dezember 2009 – 1. Tewet 5770

Alles koscher?

Vier von zehn Juden halten sich an die jüdischen Speisegesetze, Tendenz steigend

Die Zeiten, in denen so gut wie alle Juden nur koscher aßen, sind, wie man weiß, längst vorbei. Dennoch ist die Kaschrut auch im 21. Jahrhundert alles andere als ein Ding der Vergangenheit. Schätzungen zufolge nehmen weltweit nämlich vier von zehn Juden nur koscheres Essen zu sich. Den höchsten Anteil koscherer Genießer weist Israel vor. Nach Ermittlungen des israelischen Oberrabbinats halten 72 Prozent der israelischen Juden die Kaschrut ein. Hierbei handelt es sich nicht nur um Orthodoxe. Auch viele Juden, die sich als traditionell bezeichnen und nur einen Teil der religiösen Gebote beachten, halten an der koscheren Küche fest. So gut wie alle Handelsketten des Judenstaates führen ausschließlich koschere Produkte. Das macht auch Sinn: Viele fromme Kunden würden einem Laden, der neben koscheren auch „trefene“ Delikatessen feilbietet, fernbleiben. Dagegen kaufen selbst überzeugte Laizisten Fleisch problemlos mit dem hebräischen Stempel KASCHER.
Das rabbinische Zertifikat ist auch für israelische Moslems wichtig. Die allermeisten von ihnen akzeptieren koschere Lebensmittel als halal – nach dem Islam erlaubt. Schließlich sind alle koscheren Tiere auch nach den moslemischen Speisegesetzen verzehrsfähig. Dass Gott im Segensspruch des Schochet auf Hebräisch und nicht auf Arabisch angerufen wird, gilt als unschädlich - es handelt sich um das gleiche Wort.
In den USA halten fünfzehn bis zwanzig Prozent der jüdischen Einwohner die Kaschrut ein. Auch viele Nichtjuden greifen zu koscheren Speisen, wenngleich nicht unbedingt nur zu diesen. Schätzungen gehen von bis zu drei Millionen nichtjüdischen Amerikanern aus, die koschere Nahrungsmittel kaufen. Vielen gilt die Koscher-Auszeichnung als ein Nachweis gründlicher Kontrollen, die die Produkte auch gesünder machen. In Europa ist der Anteil jüdischer Verbraucher, die an der Kaschrut festhalten, relativ niedrig, doch gibt es religiöse „Hochburgen“, in denen sich koschere Produkte reger Nachfrage erfreuen. Der größte europäische Markt für koscheres Essen ist Frankreich, gefolgt von Großbritannien.
Grundsätzlich gilt, dass koscheres Fleisch teurer als nichtkoscheres ist. Für orthodoxe Juden ist dies kein triftiger Gesichtspunkt: Wenn sie Fleisch kaufen, dann nur koscheres. Für manche nicht strengreligiöse Verbraucher jedoch spielt der Preis durchaus eine Rolle und hält sie vom Kauf koscherer Fleischprodukte ab. Mit besonderer Schärfe stellt sich das Problem in Europa, wo koschere Fleischprodukte bis zu fünfmal teurer als nichtkoschere Alternativen sind.
In Deutschland beachten, Schätzungen zufolge, nur mehrere Hundert Juden die religiösen Speisegesetze. Dennoch gibt es eine Infrastruktur, die koscheres Essen anbietet. Das gilt sowohl für die jüdischen Gemeinden, die für koschere Bewirtung sorgen, als auch für andere jüdische Einrichtungen wie Elternheime, Schulen und Lehranstalten. Nahrungsmittel mit einem Kaschrut-Zertifikat sind in mehreren jüdischen Lebensmittelläden erhältlich. Im allgemeinen deutschen Lebensmittelhandel sind Produkte mit dem Aufdruck „koscher“ nicht zu finden, doch gibt es in der Bundesrepublik ein besonderes System, das Interessierten den Kauf koscherer Lebensmittel im Einzelhandel ermöglicht. Hierbei handelt es sich um die so genannten Koscher-Listen: Verzeichnisse von Lebensmitteln, die zwar keine sichtbare Koscher-Bescheinigung haben, von der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD) aber nach einer Prüfung als koscher anerkannt werden.
Im Übrigen muss, wer koscher isst, nicht auf kulinarische Vielfalt verzichten. Im Lauf der Jahrhunderte haben jüdische Köchinnen und Köche die Speisekarte vieler Nationen an die Anforderungen der Kaschrut angepasst. Die meisten traditionellen Gerichte europäischer Juden fügen sich ebenso in die kulinarische Umgebung des jeweiligen Wohnlandes ein, wie die Küche jüdischer Gemeinden in Nahost ihre morgenländische Provenienz nicht leugnen kann. Koschere Kochbücher bieten koschere Speise-Variationen aber aus anderen Kulturkreisen. Koschere Chefköche legen allergrößten Wert darauf, immer neue Kreationen zu entwickeln. Und wie sieht die Zukunft der Kaschrut aus? Weil religiöse Juden weitaus mehr Kinder als Säkulare haben, dürfte in einigen Jahrzehnten wieder eine Mehrheit des jüdischen Volkes koscher essen. So schlägt das Pendel der Geschichte um.
wst