9. Jahrgang Nr. 12 / 18. Dezember 2009 – 1. Tewet 5770

Disko und Dissens in Bad Kissingen

Die Frage nach der jüdischen Identität beherrschte den Jugendkongress

Von Danijel Majic

Bad Kissingen liegt im Halbschlaf der Nebensaison. Zumindest an einer Stelle des Kur- und Erholungsortes aber wird hitzig diskutiert: im Tagungshotel des viertägigen Jugendkongresses der Zentralwohlfahrtstelle der Juden in Deutschland (ZWSt). Rabbiner Yaron Engelmayer hat seinen Einführungsvortrag noch nicht zu Ende gebracht, da wird unter den Teilnehmern schon heftig debattiert. Eine alarmierende Diagnose steht im Raum. »Wir sind im Begriff, uns selbst aufzulösen«, hat der Kölner Gemeinderabbiner zu Beginn seines Workshops »Die Bewahrung der jüdischen Identität als Minderheit« konstatiert.
Engelmayer spielt auf die zunehmende Assimilation jüdischer Gemeinschaften in die sie umgebende Mehrheitsgesellschaft an. Der Begriff der »schleichenden Schoa« ist gefallen, auch wenn Engelmayer betont, sich diesen nicht zu eigen machen zu wollen. Denn nicht die Assimilation an sich soll im Mittelpunkt des Diskurses stehen, sondern die Frage, was Jüdischsein eigentlich bedeutet. Dem leidenschaftlichen Appell eines Jugendlichen, dass nur das »Bewusstsein für die Traditionen « die Assimilation vermeiden kann, folgt direkter Widerspruch. Anderen genügt das Bekenntnis zum jüdischen Volk oder auch nur zum Staat Israel. »Das wichtigste ist a jiddische Mame«, wirft irgendwann ein Diskutant halb im Scherz ein.
Einige Räume weiter muss sich Rabbinerin Gesa Ederberg anstrengen, um überhaupt zu Wort zu kommen. Im Workshop der 41-Jährigen »die Mizwot im 21. Jahrhundert « verläuft die unsichtbare Trennlinie zwischen der liberal-egalitären Rabbinerin und den größtenteils orthodoxen Jugendlichen. Im Mittelpunkt steht die Frage, inwieweit sich die Mizwot an moderne Entwicklungen anpassen dürfen. Und für einige Jugendliche die Frage, ob es so etwas wie eine Rabbinerin überhaupt geben darf. »An ganz vielen Stellen«, sagt die Rabbinerin, »haben sich die Mizwot weiterentwickelt. Ich sage, das Frauen-Rabbinat liegt im Rahmen der jüdischen Möglichkeiten.« Verständnisloses Kopfschütteln verrät, dass sie nicht alle Jugendlichen überzeugen kann.
Am nächsten Tag steht die Frage nach den Erfolgsaussichten der Einheitsgemeinde auf dem Programm. Eines der »Spaltungsthemen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft«, wie es die Zentralratspräsidentin Charlotte Knobloch in ihrer Ansprache formuliert. »Wir alle, die hier sitzen, beantworten die Fragen nach einer Wiedergründung der Einheitsgemeinde mit Ja«, betont Rabbiner David Bollag.
Eine der vielen Streitfragen ist, wie streng Konversionen zu handhaben seien. Insbesondere am Beispiel von Einwanderern aus der Sowjetunion, die oft nur väterlicherseits jüdische Wurzeln aufweisen, entzündet sich eine heftige Diskussion. »Darunter gibt es wirklich tragische Fälle von Menschen, die als Juden aufgewachsen sind, und denen jetzt von den Gemeinden die Anerkennung verweigert wird«, berichtet Rabbinerin Ederberg. Ein Argument, das Rabbiner Bollag nicht gelten lassen möchte. »Nicht in jedem Fall, in dem Tragik steckt, kann die Religion Purzelbäume schlagen.« Am Samstagabend aber sind den Jugendlichen all diese Brüche unwichtig. Die Musik der israelischen Showband Afifon kittet die Risse. »Klar geht es auch darum, sich kennenzulernen«, sagt ein Jugendlicher aus Frankfurt. »Für uns Männer ist es ja nicht immer so einfach, eine jüdische Frau zu finden. Aber wenn wir wollen, dass auch unsere Kinder als Juden aufwachsen, muss das sein.«

Aus der Jüdischen Allgemeinen Nr. 48 vom 26. November 2009