9. Jahrgang Nr. 12 / 18. Dezember 2009 – 1. Tewet 5770

Der Preis der Freiheit

Nach der Halacha ist die Auslösung von Gefangenen ein wichtiges Gebot

Nach dem jüngsten Stand der Dinge scheint Israels Regierung gewillt zu sein, mehr als 900 arabische Sicherheitshäftlinge zu befreien, um die Heimkehr des entführten Soldaten Gilad Schalit zu ermöglichen. Für die Freiheit seiner Bürger hat der Staat Israel von jeher einen hohen Preis gezahlt. Nach dem Sechstagekrieg kamen über 6.000 arabische Gefangene im Gegenzug für 15 Israelis frei. 1985 wurden im Austausch für drei im Libanon entführte israelische Soldaten 1.150 Sicherheitshäftlinge freigelassen, und 2004 ließ Israel 435 Terroristen im Gegenzug für die Freilassung des von der Hisbollah entführten Israelis Elchanan Tenenbaum laufen. Die Beispiele ließen sich mehren.
Solche Nachgiebigkeit rührt nicht zuletzt von dem Religionsgebot her, Gefangene nach Möglichkeit auszulösen. Der große jüdische Religionsphilosoph Rambam (Maimonides) schrieb dieser Mitzwa höchste Priorität zu. Nach dem Schulchan Aruch, dem großen jüdischen Rechtskodex, ist die Auslösung von Gefangenen wichtiger als Nahrungs- und Bekleidungsspenden für die Armen und darf auch nicht unnötig hinausgezögert werden. Im Laufe der Jahrhunderte haben jüdische Gemeinden ihre von Verfolgern festgenommenen Mitglieder für hohe Geldbeträge freigekauft.
Allerdings ist die Frage, welche Gegenleistung für die Freiheit der Gefangenen angemessen ist, nicht unumstritten. Der Schulchan Aruch fordert, keinen überhöhten Preis zu entrichten. Dieser könnte die Feinde nämlich zur Verhaftung neuer Gefangener motivieren. Im heutigen Israel warnen Kritiker, ein großer Teil der freigelassenen Terroristen kehre zum Terrorismus zurück. Wie die Pflicht zur Gefangenenauslösung auf der einen und der Schutz der Allgemeinheit vor künftigen Anschlägen auf der anderen Seite gegeneinander aufzuwiegen sind, ist daher eine religionsmoralische ebenso wie eine politische Frage. In der Praxis aber wird dem Schutz des konkret gefährdeten Lebens von Gefangenen der Vorrang gewährt.
wst