9. Jahrgang Nr. 12 / 18. Dezember 2009 – 1. Tewet 5770

Freiheit des Gewissens

Gedanken zu Chanukka 5770 – Von Rabbiner Dr. Joel Berger

Chanukka, das jüdische Lichterfest in trüben Wintertagen, ist zugleich ein Fest, das der Freiheit des Gewissens gilt. Chanukka zeugt von der Richtung, in die sich das Judentum gegen Ende der biblischen Zeit entwickelte. Der damals politisch wie kulturell dominante Hellenismus wollte die freie Ausübung der Riten der jüdischen Lebensform verbieten. Ihrerseits entfalteten die Israeliten unerwartet starken Widerstand. Die Priester des Heiligtums wie auch zahlreiche einfache Handwerker und Landwirte stärkten das anfangs winzige jüdische Heer.
Die Gegner der Juden waren kampferprobte Soldaten der syrisch-makedonischen Armee. Dennoch gelang es den Aufständischen, Jerusalem und das Heiligtum zurückzuerobern. Nach ihrem Einmarsch betrachteten es die Befreier als ihre vornehmliche Pflicht, den Tempel zu reinigen, um ihn wieder für den täglichen G-ttesdienst einweihen zu können. Diese Einweihung heißt auf Hebräisch: Chanukkat Hamisbeach: Weihe des Altars. Daher auch der Name des Festes: „Chanukka“, zu Deutsch: Tempelweihe. Chanukka erinnert und an die Wiederinstandsetzung des Altars, das Anzünden des Tempelleuchters, der Menora, die durch ein Wunder dann acht Tage lang brannte. An sich hätte das Öl in der Lampe nur für einen Tag gereicht
Trotz seiner immensen Bedeutung wurden die Ereignisse dieses Freiheitskampfes im jüdischen Volksgedächtnis Jahrhunderte lang in den Hintergrund verdrängt. Es war, als wollte sich die jüdische Nachwelt nicht erinnern. Wenn die Geschichte und vor allem die jüdische Geschichtsschreibung nur aus den hebräischen Quellen hätte schöpfen können, wäre uns nicht einmal das Wort „Makkabäer“ überliefert worden - der hebräische Name der damaligen Freiheitskämpfer, unter dem heute sogar die zahlreichen jüdischen Makkabi-Sportvereine auftreten. Von dem heroischen Kampf der Makkabäer um die Freiheit und Unabhängigkeit des jüdischen Landes blieb lediglich ein kurzer Bericht im Talmud, der Schatzkammer der nachbiblischen jüdischen Literatur, übrig.
Indessen bewahrten die Bücher der Makkabäer in der klassischen griechischen Sprache jene Ereignisse, die dem Aufstand vorangingen: Ein eigenwilliger Despot, Antiochus Epiphanes verbat nicht nur das Praktizieren der jüdischen Riten, sondern sogar das Studium der Tora. Anstelle der jüdischen Schulen gründete er Gymnasien und Theater auf dem Boden jüdischer Propheten. Jedoch waren jene Gymnasien und Theater keine Bildungsanstalten. Sie dienten den blutigen hellenistischen Wettkämpfen, wobei die Besiegten selten lebend davonkamen. Die Arenen der Theater waren öfters Schauplatz von Massenveranstaltungen, bei denen die Gladiatoren ihre Kräfte mit denen wilder Tiere messen mussten.
Mehr als zweihundert Jahre nach dem Triumph der Makabäer wurde das Heiligtum zerstört. In den darauf folgenden Jahrhunderten der Diaspora waren den Juden keine ähnlichen Siege beschert. Oft blieb ihnen nur der erduldete, bittere Leidensweg. Es galt lediglich die Hoffnung auf die g-ttliche Fürsorge. Dabei zeigte unser Volk in Erwartung der g-ttlichen Erlösung mit übermenschlicher Geduld sein G-ttvertrauen.