9. Jahrgang Nr. 12 / 18. Dezember 2009 – 1. Tewet 5770

Den Frieden schützen

Stephan J. Kramer am Volkstrauertag: Aus jüdischer Sicht ist Krieg ein widernatürlicher Zustand

Am 15. November hielt der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan J. Kramer, in Hamburg die Gedenkrede zum Volkstrauertag. Kramer hob die Bedeutung der Friedensidee für das Judentum ebenso wie den Mut jüdischer Soldaten hervor. Er wies zudem auf die sich aus dem Holocaust ergebende Verantwortung hin, Rassismus und Intoleranz entgegenzutreten.

Der Volkstrauertag konfrontiert uns mit der Vergangenheit und mit dem Auftrag, das Vermächtnis der Opfer zu erfüllen, indem wir uns nachhaltig für ein friedliches Zusammenleben einsetzen. Für das Judentum ist die Vision eines universellen Friedens zentral. Der Prophet Jesaja malte die Friedensvision mit den ewig gewordenen Worten des Tanach: „Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“ Dies, so der Prophet, wird auf Gottes Veranlassung geschehen, entspricht also dem göttlichen Plan für unsere Welt. Deshalb ist der Krieg ein widernatürlicher Zustand.
Als Juden hatten wir im 20. Jahrhundert millionenfach Tote zu beklagen. Sechs Millionen Angehörige unseres Volkes wurden von Schergen des NS-Regimes ermordet. Nun stimmt es, dass jedes Menschenleben zu beklagen ist, doch ist der Holocaustopfer auf besondere Weise zu gedenken. Sie sahen sich einer Mordmaschine gegenüber, die die von ihr zum Feind erklärten Juden nicht nur besiegen wollte – bei einer wehrlosen Zivilbevölkerung wäre dieses Ziel grotesk -, sondern das ganze jüdische Volk zu vernichten suchte. Die grausame Einmaligkeit des Holocaust verlangt von denjenigen, die keine Schuld tragen, keine Schuldgefühle, sondern Verantwortung: Verantwortung von uns allen, gleich welcher Hautfarbe, Volkszugehörigkeit oder Religion. Wir sind verpflichtet, uns in der Politik und in der Öffentlichkeit ebenso wie im persönlichen Umfeld dafür einzutreten, dass es sich niemals wiederholt, egal welche Minderheit zum Ziel von Rassismus, Intoleranz oder Hass gemacht wird. Die Mehrheit der Deutschen will keinen Rassismus, keine Fremdenfeindlichkeit und keinen Antisemitismus, und das macht Mut, aber auf diesem Befund sich auszuruhen, reicht nicht aus. Die Bundesrepublik ist nicht die Weimarer Republik, aber wir sollten auch nicht vergessen, dass die erste deutsche Demokratie nicht an zu vielen Nazis, sondern an zu wenigen Demokraten, die sich nicht genügend für die Demokratie eingesetzt haben, zu Grunde gegangen ist.
Juden waren im 20. Jahrhundert aber nicht nur Opfer – eine Rolle, in der unsere Gegner uns so gerne sehen -, sondern auch Kämpfer. Im Ersten Weltkrieg dienten in den Armeen der Großmächte rund 1,2 Millionen Juden. Rund jeder Elfte ist gefallen. Auch in den deutschen Streitkräften standen Juden zwischen 1914 und 1918 an vorderster Front. An der Heimatfront fand die infame „Judenzählung“ statt, mit der man nachweisen wollte, dass Juden weniger zum Dienst fürs Vaterland bereit wären, als das gemessen an der Bevölkerungsstärke zu erwarten gewesen wäre. Es kam anders: Die Studie durfte nicht veröffentlich werden, da sich herausgestellt hatte, dass es anteilig weit mehr nichtjüdische Drückeberger gegeben hat.
Während des Zweiten Weltkrieges verzichtete das nationalsozialistische Deutschland auf den Wehrbeitrag seiner jüdischen Bürger und zog es vor, diejenigen, die 1939 noch nicht geflüchtet waren, zu ermorden. Mit umso mehr Wagemut kämpften jüdische Soldaten in den alliierten Armeen. Sie kämpften für ihre jeweiligen Heimatländer ebenso wie für das von der Vernichtung bedrohte jüdische Volk. Ihr Beitrag zur Befreiung Europas war größer, als den meisten heute bewusst sein dürfte. Insgesamt standen anderthalb Millionen Juden unter Waffen. Mit fast 550.000 beziehungsweise 500.000 Soldaten stellten Juden in den amerikanischen Streitkräften und in der Roten Armee die größten Kontingente, gefolgt von Polen mit 122.000 und Großbritannien mit 62.000 jüdischen Militärangehörigen. Eine Viertelmillion jüdische Soldaten, achtzig Prozent von ihnen Angehörige der Roten Armee, fielen im Kampf.
Und ich möchte ganz bewusst sagen: Letztendlich trugen die jüdischen Kämpfer des Zweiten Weltkrieges auch zur Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus bei. Heute leben jüdische Kriegsveteranen der Roten Armee in Deutschland. Sie kamen im Rahmen der jüdischen Zuwanderung der beiden letzten Jahrzehnte in die Bundesrepublik. Sie vertrauen dem heutigen, demokratischen Deutschland und haben es zu ihrer Wahlheimat gemacht: In der Tat eine Aussöhnung über Gräber hinweg.
Gleichzeitig aber darf das Friedensideal des Volkstrauertages nicht nivellierend wirken. Die schrecklichen Konsequenzen von Krieg und Gewalt dürfen uns nicht den Blick auf deren Ursachen verstellen. Sonst geht uns die Fähigkeit abhanden, uns dem Bösen, das immer wieder und an immer neuen Orten aufflammt, in den Weg zu stellen. Freiheit und Demokratie sind die besten Garanten der Menschenrechte und müssen verteidigt werden. Wenn es sein muss, auch mit der Waffe in der Hand, und das gilt nicht nur für Mitteleuropa, sondern auch am Hindukusch oder am Horn von Afrika. Beschwichtigung ist die falsche Antwort auf fanatische Regime, hasserfüllte Diktatoren oder gewalttätige Gruppen, die unter dem Tarnmäntelchen von angeblichen Befreiungsbewegungen oder unter Berufung auf religiöse Werte, andere Völker und Religionsgruppen unterjochen wollen, die Grundfesten der freien Welt erschüttern oder gar offen mit Genozid drohen.
Die Bundesrepublik Deutschland trägt zunehmend mit militärischen Mitteln, als ultima ratio, zur internationalen Sicherung der Freiheit und der Menschenrechte bei. Dabei begeben sich deutsche Soldatinnen und Soldaten, aber auch Polizisten und zivile Entwicklungshelfer immer öfter auch in Lebensgefahr, und viele, zu viele haben bereits mit ihrem Leben bezahlt. Dies anzuerkennen, ist die Verpflichtung nicht nur der Politik, aber auch unserer ganzen Gesellschaft. Der Kampf gegen Terrorismus sowie friedensstiftende und friedenssichernde Einsätze sind Kampfeinsätze, bei denen es um die Sicherung der internationalen Interessen und die Glaubwürdigkeit der Bundesrepublik Deutschland geht. Insgesamt sind bis heute bei Auslandseinsätzen 81 Bundeswehrangehörige gefallen, allein 35 von ihnen in Afghanistan. Am heutigen Tage gedenken wir auch ihrer in Dankbarkeit und Respekt.