9. Jahrgang Nr. 12 / 18. Dezember 2009 – 1. Tewet 5770

Identität und Integration

Die Ratsversammlung des Zentralrats der Juden in Deutschland tagte in München

Zukunft 9. Jahrgang Nr. 12
Zukunft 9. Jahrgang Nr. 12

Die Ratsversammlung ist das höchste Beschluss fassende Gremium des Zentralrats der Juden in Deutschland. Bei ihren jährlichen Tagungen verabschiedet die aus Vertretern von Gemeinden und Landesverbänden bestehende Versammlung Satzungsänderungen, beschließt den Haushalt und entscheidet über die Entlastung des Präsidiums und des Direktoriums: Aufgaben, ohne die eine demokratische Organisation nicht existieren kann. Zugleich aber ist die Ratsversammlung Jahr für Jahr der Rahmen für eine Aussprache über die Entwicklung jüdischen Lebens in Deutschland: auch dies eine Funktion von entscheidender Bedeutung.
Bei der diesjährigen Ratsversammlung, die am 29. November in München stattfand, wurden die Hoffnungen und die Sorgen, die die Arbeit jüdischer Institutionen in der Bundesrepublik prägen, sichtbar. Als Hauptergebnis der Aussprache lässt sich festhalten: Die Stärkung jüdischer Identität und eine entschlossene Vertretung der gemeinsamen Interessen aller in Deutschland lebenden Juden bleiben vordringliche Aufgaben, denen sich der Zentralrat, die Landesverbände und die Gemeinden zu stellen haben.
Das durch die Zuwanderung bedingte Wachstum der jüdischen Bevölkerung in Deutschland hat, so die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. h.c. Charlotte Knobloch, die Voraussetzungen für eine Renaissance jüdischen Lebens in Deutschland geschaffen. Nunmehr gelte es, die jüdische Identität durch Gemeindearbeit, Erziehung und weiteren Ausbau jüdischer Einrichtungen nachhaltig zu stärken. Die Zentralratspräsidentin begrüßte die Tatsache, dass viele junge Gemeindemitglieder „Lust und Freude am Judesein“ hätten. Sie betonte, die Integration der Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion in das Religions- und Gemeindeleben bleibe für den Zentralrat auch künftig eine grundlegende Aufgabe.
Eine Stärkung des Judentums in den Gemeinden, so der Vorsitzende der Allgemeinen Rabbinerkonferenz in Deutschland, Rabbiner Dr. h.c. Henry Brandt, sei für eine hohe Qualität des jüdischen Lebens in Deutschland unerlässlich. Im Namen der Orthodoxen Rabbinerkonferenz (ORD) mahnte Rabbiner Julian Chaim Soussan konsequente Vermittlung des Judentums an. Damit könne auch zur Bekämpfung der Assimilation beigetragen werden.
Im Verhältnis zur deutschen Mehrheitsgesellschaft wurde sowohl positives Engagement in der politischen und kulturellen Debatte als auch Widerstand gegen Anfeindungen, die den Interessen der jüdischen Gemeinschaft zuwiderlaufen, gefordert. Dr. h.c. Knobloch betonte, der Zentralrat habe in den vergangenen Jahrzehnten einen wichtigen Beitrag zur Bildung des heute hoch ausgeprägten Bewusstseins der deutschen Gesellschaft für die aus dem Verbrechen des Holocaust zu ziehenden Lehren geleistet. Diese Aufgabe müsse auch künftig erfüllt werden. Die Zentralratspräsidentin betonte, die demokratische Kultur in Deutschland habe aber auch Lücken. Davon zeugten der um sich greifende Rechtsextremismus und die zahlreichen rechtsextremistischen Straftaten.
Rabbiner Soussan bezeichnete den interreligiösen Dialog als eine wichtige Aufgabe der in Deutschland amtierenden Rabbiner. Gleichzeitig rief er die jüdische Gemeinschaft jedoch auf, antijüdischen Erscheinungen entgegenzutreten. Als ein Beispiel nannte er Versuche, die jüdische Schlachtung auf Grund der erwiesenermaßen falschen Behauptung zu verbieten, es handele sich um Grausamkeit zu Tieren. Solche Kampagnen zielten auf eine durch nichts gerechtfertigte Einschränkung der Religionsfreiheit ab.
Naturgemäß spielten im Wirtschaftskrisen-Jahr 2009 auch finanzielle Fragen bei den Beratungen eine wichtige Rolle. Die dem Zentralrat zur Verfügung stehenden Etatmittel, so Vizepräsident und Finanzdezernent Dr. Dieter Graumann, seien durch einen Rückgang der aus Vermögenswerten erwirtschafteten Zinseinnahmen ebenso wie durch eine Kürzung der von der Bundesregierung für die Integration von Zuwanderern bereit gestellten Mittel negativ tangiert worden. Trotzdem bleibe die Finanzlage des Zentralrats dank der umsichtigen Haushaltspolitik der vergangenen Jahre solide.
Zugleich aber hält der Zentralrat ausreichende Integrationshilfen für unerlässlich und will sich für deren erneute Anhebung einsetzen. Eine erfolgreiche Integration von Zuwanderern liegt auch im Interesse der deutschen Gesellschaft als Ganzes.
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