9. Jahrgang Nr. 11 / 20. November 2009 – 3. Kislew 5770

Meilenstein der Verfolgung

Die Novemberpogrome von 1938 bleiben auch heute eine Mahnung

Am 9. November wurde in Deutschland der „Reichskristallnacht“ gedacht, der vom NS-Regime veranstalteten Pogromwelle, bei der zahlreiche Juden ermordet oder überfallen, 1.400 Synagogen und Betstuben sowie Tausende jüdischer Geschäfte zerstört wurden. Über die Bedeutung der Novemberpogrome sprach die „Zukunft“ mit dem Holocaustforscher Dr. Robert Rozett. Der Historiker Rozett ist als Büchereidirektor der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem tätig.

Frage: In Deutschland ist der Jahrestag der „Reichskristallnacht“ ein zentraler Gedenktag. Historisch gesehen zu Recht? Schließlich wurden in den darauf folgenden Jahren noch weitaus schlimmere Verbrechen gegen Juden begangen.
Antwort: In Israel und in der jüdischen Welt wird der Holocaustopfer vor allem am Gedenktag für die Schoa und das Heldentum am 27. Tag des Monats Nissan gedacht. Allerdings war die „Kristallnacht“ ein historisch sehr wichtiges Ereignis, die bis dahin gewalttätigste und die sichtbarste antijüdische Aktion. Zudem fand sie auf deutschem Boden statt. Es ist verständlich, dass ihr Jahrestag gerade in Deutschland eine herausragende Rolle spielt.

Frage: Auf internationaler Ebene hatten die Novemberpogrome keine nennenswerten Konsequenzen für das „Dritte Reich“. Hat das die Nazis in der Überzeugung bestärkt, sie könnten mit den Juden ungestraft alles tun?
Antwort: Das war nicht das erste Signal, das in diese Richtung zielte. Bereits bei der internationalen Konferenz von Evian über die letztendlich verweigerte Aufnahme jüdischer Flüchtlinge im Juli 1938 hatte sich gezeigt, dass die Völkerfamilie den verfolgten deutschen Juden nicht helfen würde. Dieser Eindruck wurde durch die kaum vorhandenen politischen Reaktionen auf die „Kristallnacht“ weiter verstärkt. Dass die USA ihren Botschafter in Berlin aus Protest zurückbeorderten, änderte nichts am Gesamtbild.

Frage: Welche Lehren sind aus der „Reichskristallnacht“ heute zu ziehen?
Antwort: Die „Kristallnacht“ war Ausdruck eines unbändigen, von der Gesellschaft akzeptierten oder – von Ausnahmen abgesehen - zumindest widerstandslos hingenommenen Hasses auf eine Minderheit. Heute muss jeder erkennen, dass jegliche Hasspropaganda gegen bestimmte Gruppen – von Gewalt ganz zu schweigen – sofort unterbunden werden muss. Und dass Demokratie der beste Garant einer toleranten Gesellschaft ist. Zwar gibt es auch in demokratischen Gesellschaften Vorurteile gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen und zuweilen Diskriminierung, doch kann die Demokratie dieses Problem besser bewältigen.

wst