9. Jahrgang Nr. 11 / 20. November 2009 – 3. Kislew 5770

Das Positive sehen

Yaacov Zinvirt ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde in Duisburg. Bei seiner Arbeit versucht er, nicht immer streng logisch vorzugehen.

Eigentlich kam Yaacov Zinvirt nicht nach Deutschland, um zu bleiben. Dass er hier dennoch Wurzeln schlug, hat zwei Gründe. Der erste ist die Liebe: Zinvirt, der in Jerusalem geboren wurde, lernte in Deutschland seine Frau kennen. Der zweite Grund ist, dass er hier eine Aufgabe fand: „Ich habe gesehen, dass ich hier gebraucht werde und dass ich hier etwas zu tun habe.“ Seit 2007 ist Zinvirt Rabbiner der Jüdischen Gemeinde in Duisburg. Zuvor hatte der heute Sechsundvierzigjährige schon als Rabbiner in Berlin sowie in Mainz und Worms gearbeitet.
Im Jahre 1990 kam Zinvirt als Religionslehrer nach Deutschland. Doch dabei sollte es nicht zu bleiben. Zinvirt wollte mehr Verantwortung übernehmen und sich stärker für die Juden in Deutschland engagieren. Deshalb kehrte er nach Jerusalem zurück, um sich dort zum Rabbiner ausbilden zu lassen. „Eine Gemeinde zu führen, ist nicht einfach. Es ist für mich eine große Herausforderung, aber es macht mir auch Spaß“, sagt Zinvirt über seine Arbeit.
Am wichtigsten ist es für den Rabbiner, junge Juden in Duisburg an den Glauben heranzuführen und ihnen die jüdische Kultur begreiflich zu machen: „Ich will ihnen Grundsätze vermitteln und sie unterstützen.“ Als weitere wichtige Aufgabe sieht er es, an die Gräuel des Holocausts zu erinnern. Als er noch in Israel lebte, hatte er sich nicht intensiv mit der Schoah beschäftigt. „Meine Familie war nur indirekt vom Holocaust betroffen“, sagt Zinvirt. Erst als er nach Deutschland kam, setzte er sich intensiver mit der Geschichte auseinander. „Hätte ich früher getan, wäre ich vielleicht gar nicht nach Deutschland gegangen“, sagt er. Die Vergangenheit des Landes hätte ihn zu sehr abgeschreckt. Heute ist er aber froh, dass er gekommen ist; schließlich kann er jetzt helfen, in Deutschland wieder jüdisches Leben zu etablieren und die Erinnerung an die Schoah aufzuarbeiten.
Zinvirt ist nicht der erste Rabbiner in seiner Familie. Er ist ein direkter Nachfahre des berühmten Elimelech aus Lischansk, eines bedeutenden chassidischen Rabbiners aus Polen. Zinvirt selbst ist kein Chassid, doch hat hat er sich intensiv mit seinem berühmten Vorfahren beschäftigt und wurde von ihm beeinflusst. „Er hat großen Wert auf die Gefühle der Menschen gelegt und nicht immer alles streng logisch betrachtet“, sagt Zinvirt.
Zinvirt versucht ebenfalls, Menschen nicht nur mit der Ratio zu verstehen. Vor allem will er den Menschen nicht nur nach dessen Leistung beurteilen. „In jedem Menschen steckt ein Potential. Dieses muss man wecken.“ Für seine Arbeit hat noch ein weiteres Credo: „Ich versuche, in jedem Menschen das Positive zu entdecken, auch wenn er mal etwas Törichtes sagt“, erklärt der Rabbiner.
Seine besondere Leidenschaft gilt der mündlich überlieferten Tora. Über sie hat er schon mehrere Bücher verfasst. Warum gerade die mündliche Tora? „In der schriftlichen Tora sind die Sachen häufig sehr kurz gefasst, und gibt es viele Widersprüche, die sich nur mithilfe der mündlichen Tora auflösen lassen.“ Die mündlich überlieferte Tora ermögliche es auch, das jüdische Leben an die moderne Zeit anzupassen, ohne dabei den Glauben zu verraten. Über sie könne man verantwortungsbewussten Umgang mit technischen Entwicklungen, wie beispielsweise der künstlichen Befruchtung, lernen. „Wir können dank der mündlichen Tora sogar Stellung zu Dingen beziehen, die es noch gar nicht wirklich gibt.“
Von Frederic Spohr