9. Jahrgang Nr. 11 / 20. November 2009 – 3. Kislew 5770

Beitrag zur Demokratie

Die Meinung des Zentralrats ist in Deutschland gefragt. Fußballbund-Präsident mit Leo-Baeck-Preis geehrt

Zukunft 9. Jahrgang Nr. 11
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Am 4. November fand im Berliner Hotel Adlon ein Ereignis statt, das seit Jahrzehnten fester Bestandteil der politischen Kultur in Deutschland ist, dennoch aber Jahr für Jahr bewegend bleibt: die Verleihung des Leo-Baeck-Preises. Mit diesem Preis ehrt der Zentralrat der Juden in Deutschland Persönlichkeiten, die sich in herausragender Weise für die jüdische Gemeinschaft eingesetzt und sich um sie verdient gemacht haben.
In diesem Jahr wurde die Ehrung dem Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes, Dr. Theo Zwanziger, zuteil. Damit würdigte das Direktorium des Zentralrats, dem die Wahl der Preisträger obliegt, Zwanzigers herausragendes Engagement gegen Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung und Rechtsextremismus im deutschen Fußball. Und diese sind in deutschen Stadien leider oft anzutreffen. Spieler, die unter der Fahne eines jüdischen Sportvereins auf den Rasen laufen, wissen es alle Mal. Sie müssen nicht nur um den sportlichen Erfolg kämpfen, sondern werden immer wieder mit antisemitischen Anfeindungen konfrontiert – übrigens auch dann, wenn sie selbst keine Juden sind. Umso wichtiger ist gerade in diesem Bereich der Einsatz für Toleranz und Fairness, auch und gerade weil Fußball wie kein anderes Spiel die Massen mitreißt. Daher war die diesjährige Wahl ein wichtiges Signal der Anerkennung. Wie die Präsidentin des Zentralrats, Dr. h.c. Charlotte Knobloch in ihrem Grußwort bemerkte, hat Zwanziger stets dafür gesorgt, dass braunes Gedankengut im Sport keine Chance habe. Mit seinen Initiativen habe er das Vertrauen der jüdischen Gemeinschaft gewonnen. „Wir haben gespürt“, so die Zentralratspräsidentin, „da ist jemand, der nicht nur sagt, was er meint, sagen zu müssen. Sondern da ist einer, der es ehrlich meint.“
Mit der Ehrung schließt sich Zwanziger einem illustren Kreis von Persönlichkeiten an, die seit 1957 zu Laureaten des Leo-Baeck-Preises erwählt wurden. Zu ihnen gehörten Juden wie der Historiker und Holocaustforscher Joseph Wulf, der herausragende jüdische Publizist Robert Weltsch – er prägte 1933 den unvergesslichen Satz „Tragt ihn mit Stolz, den gelben Fleck“ - oder der streitbare Autor und Journalist Ralph Giordano. Ebenso wurden prominente Nichtjuden geehrt, unter ihnen die Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, Johannes Rau, dies allerdings vor seiner Amtszeit, und Roman Herzog oder auch der damalige Bundesaußenminister Joschka Fischer. Im Jahre 2007 wurde der Preis Bundeskanzlerin Angela Merkel zuerkannt.
Mit dem Leo-Baeck-Preis würdigt der Zentralrat nicht nur die Verdienste der Laureaten, sondern erfüllt auch seine Aufgabe als aktiver Teil der deutschen Demokratie. Gewiss: Der Zentralrat vertritt eine kleine Minderheit innerhalb der deutschen Bevölkerung. Allerdings entbindet es ihn nicht der Verpflichtung, seinen Beitrag zur Stärkung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik zu leisten. Wenn nötig, bezieht der der Zentralrat Front gegen Feinde der Demokratie und mahnt unmissverständlich einen entschlossenen Kampf gegen antidemokratische Auswüchse an.
Genauso ist es aber seine Pflicht, denjenigen, die für Demokratie, Freiheit und Toleranz kämpfen, seine Anerkennung auszusprechen. Ein Verlust dieser Ideale bedroht natürlich nicht nur die Juden, doch haben wir ein historisch geschärftes Bewusstsein für ihre Bedeutung und stehen an vorderster Front, wenn es sie zu stärken gilt. Und da der Antisemit, der ein guter Demokrat wäre, ein Widerspruch in sich ist, stellt die Partnerschaft zwischen jüdischen und nichtjüdischen Demokraten ein natürliches Bündnis dar.
Das wird in Deutschland anerkannt. Die jüdische Stimme hat Gewicht in der politischen Debatte; jüdische Beiträge zur politischen Meinungsbildung sind gefragt. Davon legen das enge Verhältnis zwischen den demokratischen Institutionen und jüdischen Einrichtungen ebenso wie das rege Interesse der Medien an jüdischen Stellungnahmen zu brennenden Problemen der Republik ein beredtes Zeugnis ab. In jedem Fall darf man gespannt sein, wem der Leo-Baeck-Preis, die höchste Auszeichnung, die die jüdische Gemeinschaft zu vergeben hat, im nächsten Jahr zuerkannt wird.
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