9. Jahrgang Nr. 10 / 23. Oktober 2009 – 5. Cheschvan 5770

Kämpft wie ein Löwe

Lew Lewajew stieg zu Israels erfolgreichstem Immigranten aus der Ex-Sowjetunion auf – Jetzt ist sein Geschäftsimperium in Gefahr

Es hört sich an wie ein Drehbuch. Ein mittelloser Immigrantenjunge arbeitet sich zu einem der reichsten Männer der Welt hoch. An seinen Lippen hängt die Geschäftswelt, von seiner Mildtätigkeit profitieren Tausende und Abertausende. Dann aber stürzt der Mogul ab, sein Lebenswerk scheint gefährdet, Gläubiger jagen ihm hinterher. In Wirklichkeit aber entstand die spannende Erzählung nicht in der kalifornischen Traumfabrik, sondern in wahren Leben: Held der Handlung ist der israelische Diamanten- und Immobilientycoon Lew Lewajew.
Bis vor kurzem galt Lewajew als Israels Vorzeigeimmigrant. Mit fünfzehn war der kleine Lew, 1956 in Taschkent geboren und in der religiösen Gemeinde bucharischer Juden erzogen, nach Israel gekommen. Zuerst sah seine Zukunft nicht allzu rosig auf: Weder an der Schule noch in der Jeschiwa kam er voran. Wollte er auch nicht: Ihn drängte es ins Leben „da draußen“ – in die Arbeitswelt. Dort konnte er endlich reüssieren. Vom Diamantenschleifer stieg er zum größten Diamantenexporteur des Landes auf. Der Jahresumsatz seiner Firma, L.L.D., kletterte auf eine halbe Milliarde Dollar; sein Geschäftsnetz umspannte die Welt. Zum Kronjuwel seines Imperiums wurde aber der Bau- und Immobilienkonzern Africa Israel, den er in den neunziger Jahren 400 Millionen Dollar erwarb und dessen Wert er binnen eines guten Jahrzehnts auf acht Milliarden Dollar steigern konnte, nicht zuletzt durch Auslandsgeschäfte. Weltweite Bekanntheit erlangte er vor zwei Jahren durch den Kauf des berühmten Gebäudes der „New York Times“ in Manhattan.
Bei alledem blieb der Magnat der etwas andere Milliardär. Der Lebenswandel des strengreligiösen Mannes blieb von Skandalen verschont. Den Anschluss an die Glitzerwelt der Reichen brauchte er nicht. Lieber suchte er die Nähe großer Rabbiner und trat als Philanthrop auf. Schätzungen zufolge gab er rund 50 Millionen Dollar pro Jahr für wohltätige Zwecke aus. In der ehemaligen Sowjetunion machte er sich einen Namen als Förderer jüdischer Schulen und Gönner der Chabad-Bewegung. Dann aber schlug die weltweite Wirtschaftkrise in Lewajews Immobilienreich wie eine Bombe ein. Der Wert der Objekte, die er in den USA und anderswo mit teuren Krediten finanziert hatte, sank in den sprichwörtlichen Keller; der Börsenwert von Africa Israel auch. Mit professioneller Kälte urteilte neulich ein israelisches Investitionshaus: „Die Schulden des Konzerns übersteigen sein Vermögen. Daher liegt sein wahrer Wert bei Null“. Der tiefe Sturz ging an Lewajew nicht spurlos vorbei. Als er vor einigen Wochen aus London – dorthin hat er Ende 2007 seinen Geschäftssitz verlegt – nach Tel-Aviv zu Umschuldungsverhandlungen mit Gläubigern kam, wirkte er sichtbar bedrückt.
Dennoch kämpft der Baulöwe wie ein Löwe um den Erhalt des Konzerns, auch wenn er zu diesem Zweck möglicherweise einen dreistelligen Millionenbetrag aus eigener Tasche zuschießen muss. Unmöglich ist das wohl nicht: Zwar ist sein geschätztes Privatvermögen innerhalb vor zwei Jahren um zwei Drittel geschrumpft, doch ist er mit wahrscheinlich anderthalb Milliarden Dollar noch immer kein armer Mann. Hoffnung darf er auch aus der sich abzeichnenden Erholung der Weltwirtschaft schöpfen. So leicht abschreiben lässt sich ein Lew Lewajew eben nicht.
wst