9. Jahrgang Nr. 10 / 23. Oktober 2009 – 5. Cheschvan 5770

Zukunft bauen

Unsere Synagogen, Gemeindezentren und Lehranstalten müssen in den Dienst einer neuen jüdischen Kultur gestellt werden

Zukunft 9. Jahrgang Nr. 10
Zukunft 9. Jahrgang Nr. 10

Am 30. September 2009 fand in Heidelberg eine besondere Einweihungsfeier statt: Die Heidelberger Hochschule für Jüdische Studien feierte die Fertigstellung ihres neuen Zuhauses. Das neue, moderne Haus in der Landfriedstraße schließt sich an der bestehende, historische Gebäude an, in dem wesentliche Bereiche des Hochschulbetriebs untergebracht waren und das als Verwaltungszentrum und Bürohaus weiterhin Teil des Hochschulkomplexes bleibt.
Nunmehr hat die vor dreißig Jahren ins Leben gerufene Hochschule ausreichend Raum für die Betreuung von 250 Studenten. Eine Zahl, die Zeugnis von ihrer Entwicklung ablegt. Vor dreißig Jahren waren an der Hochschule alles in allem 16 Studiosi immatrikuliert. Für die jüdische Gemeinschaft in der Bundesrepublik besonders wichtig: Auch wenn sie eine geachtete Stätte der deutschen Hochschullandschaft ist, widmet sich die Heidelberger Alma Mater nicht nur der abstrakten Wissenschaft. Vielmehr bildet sie auch Rabbiner und Religionsfachkräfte aus und trägt damit wesentlich zur Stärkung der jüdischen Gemeinden bei.
Der Neubau zu Heidelberg ist nicht das einzige jüdische Bauprojekt, das in Deutschland in letzter Zeit abgeschlossen wurde. In den vergangenen zehn Jahren ist rund ein Dutzend Synagogen und Gemeindezentren neu-, aus- oder umgebaut worden, je nach Bedarf von groß bis klein und je nach Architekt prägnant bis unauffällig. Die Bauprojekte fanden nicht nur in den neuen Bundesländern statt, sondern auch in den „etablierten“ Gemeinden im Westen der Republik.
Die Expansion der Bausubstanz wurde durch die Expansion jüdischen Lebens in Deutschland unvermeidlich, doch ist sie mehr als ein Ausdruck von Funktionalität. Mit den sorgfältig geplanten, für jedermann erkennbaren und zugleich in ihre Umgebung eingebundenen Bauwerken bekennen sich die in der Bundesrepublik lebenden Juden zu Deutschland als dem Land, in dem sie auch ihre Kinder und Kindeskinder großziehen wollen. Anders gesagt: Wer baut, bleibt. Die vor zwanzig Jahren begonnene Zuwanderung aus der ehemaligen UdSSR hat die Gemeinden zum Ankerpunkt für die neuen Mitglieder gemacht und damit die bis dahin noch bestehenden Zweifel an der Dauerhaftigkeit jüdischen Lebens in Deutschland ausgeräumt.
Nun gilt es, die Konstruktionen aus Glas und Stein mit geistigen Inhalten zu füllen und ihnen zugleich einen angemessenen Platz in ihrer Umwelt zu sichern. Jede dieser Aufgaben stellt eine Herausforderung für sich dar, und noch hängen beide zusammen. Nur ein selbstbewusstes und zu seinen geistigen Werten stehendes Judentum vermag seinen Beitrag zu einer im Wandel begriffenen deutschen Gesellschaft des 21. Jahrhundert zu leisten. In seiner Rede bei der Einweihung der Hochschule für Jüdische Studien ging deren Kuratoriumsvorsitzender und Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Professor Dr. Salomon Korn auf einen in der nichtjüdischen Umwelt oft missverstandenen Aspekt jüdischen Lebens in Deutschland im Kaiserreich und in der Weimarer Republik ein. Juden als Einzelne, so Korn, hätten damals einen wichtigen Beitrag zu deutschen Kultur geleistet, doch hätten sie dies nicht in ihrer Eigenschaft als Juden, sondern ohne Bezug zu ihrer Identität, ja als Teil eines Assimilationsprozesses, getan. Dagegen sei der Einfluss des Judentums auf die deutsche Kultur allenfalls marginal gelblieben. Nach dem Holocaust sei ein Wiederanknüpfen an diese geschichtliche Konstellation weder möglich noch aus jüdischer Sicht erwünscht gewesen. Heute aber gebe es hierzulande Einrichtungen, die Kristallisationskerne einer möglichen zukünftigen jüdischen Kultur sein könnten: die jüdischen Kindergärten, Schulen, Volkshochschulen, Bibliotheken und Jugendzentren sowie die Hochschule für Jüdische Studien und andere Lehr- und Lernanstalten des Judentums. Gerade diese, eigenständige jüdische Kultur könne eine Bereicherung der deutschen und europäischen Kultur darstellen.
Historisch betrachtet wäre eine solche Entwicklung für Deutschland – anders als im angelsächsischen Raum - ein Novum. Ein Erfolg ist dabei nicht garantiert, den Versuch ist die neue jüdisch-deutsche Kultur aber wert. Umso mehr gilt es, die bauliche Infrastruktur jüdischer Einrichtungen in den Dienst jüdischer Werte zu stellen.
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