9. Jahrgang Nr. 9 / 25. September 2009 – 7. Tischri 5770

Museum als „Geschichts-Theater“

In Warschau wird ein Jüdisches Museum gebaut

Vor dem Holocaust galt Warschau als eines der bedeutendsten jüdischen Zentren in Europa, in dem jüdische Kunst und Kultur blühten. Als die deutsche Wehrmacht 1939 die Stadt eroberte, wurden im Warschauer Ghetto mehr als 400.000 polnische Juden eingesperrt, von denen ein Großteil an Hunger und Krankheit starb oder in die NS-Vernichtungslager deportiert wurde. Ein neues Museum soll nun auf demselben Gelände gebaut werden und die Geschichte der polnischen Juden wieder vor dem Zweiten Weltkrieg lebendig werden lassen.
Für den Neubau des Museums wurde im Sommer der Grundstein gelegt. Die als Grundsteine verwendeten Ziegel haben symbolische Bedeutung, denn sie stammen von der ehemaligen Zentrale des Judenrats, der bis zum Aufstand im Ghetto 1943 aktiv war. Der Bau trägt so dazu bei, «einen Kreis wieder zu schließen», so der Initiator des Projekts, Jerzy Halbersztadt. Die Baukosten in Höhe von 102 Millionen Euro werden von der polnischen Regierung, der Stadt Warschau und durch Spenden aufgebracht. Deutschland unterstützt das Projekt mit fünf Millionen Euro.
Zu erzählen wird es in dem Museum, wenn es 2011 eröffnet wird, vieles geben. Schließlich lebten vor dem Zweiten Weltkrieg rund 3,5 Millionen Juden in Polen, etwa zehn Prozent der Gesamtbevölkerung. Allein in Warschau lebten 350.000 Juden. Heute wird die Zahl der Juden in Polen auf 3.500 bis 15.000 geschätzt. Ein dezidiert „lebendiges Museum“ soll der Neubau werden und „das Leben der Juden in Polen zeigen, obwohl dieser Ort vom Tod gezeichnet ist“. Neben der Erinnerung an die tragische Geschichte soll auch das Wissen über das „achthundertjährige friedliche Miteinander von Juden und Polen vermittelt“ werden.
Das Museum wird gegenüber dem Denkmal für die Ghettokämpfer am „Platz der Ghetto-Helden“ gebaut, vor dem Willy Brandt 1970 mit seinem Kniefall der Holocaustopfer gedachte. Das Gebäude wird nach den Plänen der finnischen Architekten Rainer Mahlamäki und Ilmari Lahdelma gebaut, die sich 2005 in einem internationalen Wettbewerb gegen 119 weitere Teilnehmer durchsetzen konnten.
Das nur außen rechtwinklige Gebäude ist innen raffiniert ausgehöhlt und wird sich mit einem dramatisch geformten Hohlraum zum Mahnmal auf der einen und zum benachbarten Park auf der anderen Seite hin öffnen. Im Grundriss quadratisch, ist der Neubau genauso groß wie der ebenfalls quadratische Gedenkplatz nebenan. Eine kurvenreiche, mit Kalkstein verkleidete und von oben dramatisch über Lichtschlitze beleuchtete innere Passage dient den Architekten als Symbol für das biblische Motiv des sich teilenden Meeres bei der Flucht der Israeliten aus Ägypten. Gleichzeitig sei es eine Metapher für den langen Weg polnisch-jüdischer Geschichte, der sich einer „friedlichen und fruchtbaren Zukunft“ öffne. Die Organisatoren rechnen mit 450.000 Besuchern im Jahr, überwiegend aus Polen selbst.
Von einer zentralen Verteilerhalle gelangen Besucher zu allen öffentlichen Räumen: den Ausstellungshallen im Untergeschoss, dem Auditorium, der Museumspädagogik im zweiten Obergeschoss und der Mediathek. Der Verwaltungstrakt ist von den öffentlichen Funktionen streng getrennt. Für die Gestaltung der Ausstellung ist die Firma Event Communications aus London verantwortlich, die den Neubau als multi-mediales „Geschichts-Theater“ auffasst. Auch wenn die Architekten des polnischen Neubaus bisher nur kleinere Gebäude in Finnland entworfen haben, steht – nach den bisherigen Entwurfsdarstellungen zu schließen – einer gelungenen, symbolisch interessanten Architektur in Warschau nichts im Wege.
Weitere Informationen unter:
www.jewishmuseum.org.pl

Ulf Meyer