9. Jahrgang Nr. 9 / 25. September 2009 – 7. Tischri 5770

Wie ich Deutsch gelernt habe

Russischsprachige Immigranten berichten

Valeri Brainin, Musikpädagoge, Musikschuldirektor in Hannover:

Sprachkurse haben mir persönlich nicht allzu viel gebracht. Aber ich hatte Glück, mit meiner deutschsprachigen Umgebung sehr früh sehr intensiv kommunizieren zu müssen. Viel gelernt habe ich auch in der Bibliothek, wo ich Lehrbücher und Wörterbücher studierte. Zu Hause nahm ich mir wiederum vor, Gedichte von Hermann Hesse ins Russische zu übersetzen. Das Paradoxe ist, dass die Muttersprache meines Vaters Deutsch war. Als jüdischer Kommunist musste er seine Heimatstadt Wien verlassen und wählte als Immigrationsziel die Sowjetunion. Dort wurde er prompt verhaftet und lernte in Sibirien meine Mutter kennen. Viel später kehrte er nach Wien zurück. Als ich ihn dort besuchte und Deutsch mit ihm sprach, stellte er fest: „Junge, du hast einen schrecklichen slawischen Akzent!“

Boris Hoz, Chirurg, Berlin:

Deutsch zu lernen ging bei mir relativ schnell, weil ich gleichzeitig theoretisch und praktisch lernte: Abends ging ich zum Goetheinstitut und tagsüber arbeitete ich als Gastarzt in einem Krankenhaus - mit deutschsprachigen Patienten und Kollegen, versteht sich. Außerdem machte ich das, was schon Lenin beim Deutschlernen praktiziert hatte: Im Wörterbuch lesen. Dadurch wird man mit der Sprache schnell vertraut. Es war eine sehr anstrengende Zeit. Ich glaube aber, dass die Verbindung von Theorie und Praxis von großem Nutzen war und mir auch beruflich viel gebracht hat.

Ludmila Krajewska, Erzieherin, Berlin:

Ich habe verschiedene Kurse besucht bis ich meiner „Favoritin“, einer tollen Lehrerin, begegnete. Ich lernte bei ihr gern und viel. Dann aber hat der Kursleiter sie versetzt. Verzweifelt ging ich zu ihm und diskutierte mit ihm so lange, bis unsere Lehrerin wieder unserer Gruppe zugeordnet wurde. Diese Diskussion führte ich – ziemlich emotional – auf Deutsch. Erst später wurde mir klar: Genau das war der Durchbruch. Danach ging es dank der Lehrerin und nach der Erfahrung, mich auf Deutsch ausdrücken zu können, schnell bergauf.

Roman Gurevich, pensionierter Ingenieur, bei Düsseldorf:

In meiner Familie sprachen fast alle Jiddisch. Zwar sprachen wir nach dem Krieg zu Hause nur noch Russisch, weil meine verwitwete Mutter wieder heiratete, diesmal einen Nichtjuden. Als ich nach der Übersiedlung Deutsch hörte, kam bei mir wieder Jiddisch heraus, und zwar so stark, dass es mich paradoxerweise darin hindert, Deutsch zu lernen. Schließlich klappt die Verständigung auch mit Jiddisch sehr gut. Ich musste nur lernen, meine Frau nicht als „mein Weib“ zu bezeichnen. Auf Deutsch hört sich das respektlos an.

Irina Leytus