9. Jahrgang Nr. 9 / 25. September 2009 – 7. Tischri 5770

Die Kraft der Sonne

Israel will Solarenergie massiv nutzen

Jahrzehntelang machte in Israel der sarkastische Spruch die Runde, Moses habe die Juden dummerweise in ein Land geführt, in dem es kein Öl gibt. Bald freilich könnte sich der alte Witz vor dem Hintergrund einer neuen Wirklichkeit überlebt haben. Der Judenstaat verspricht nämlich, zu dem vielleicht ersten Land der Welt zu werden, in dem die Sonnenenergie nicht nur als eine ökologisch motivierte Randerscheinung genutzt wird, sondern als eine gleichberechtigte Versorgungsquelle neben die fossilen Energieträger tritt. Von der „Sonnenrevolution“ könnten natürlich auch Israels Nachbarn im Nahen Osten ebenso wie viele andere Länder profitieren.
Bisher wird die Kraft der Sonne im Judenstaat fast ausschließlich zur Warmwasserbereitung genutzt. Angesichts steigender Energiepreise und der in wenigen Jahrzehnten drohenden Ölverknappung will nun aber aber auch Israel Sonnenstrom fördern. Im vergangenen Jahr stellte das für Energiepolitik zuständige Infrastrukturministerium den Bau von insgesamt zwanzig thermosolaren Kraftwerken innerhalb von zwei Jahrzehnten in Aussicht; das erste geht voraussichtlich 2013 ans Netz. Indessen gilt technisch aufwändige thermosolare Energie – hierbei wird mit Hilfe der Sonnenenergie Dampf erzeugt, der wiederum herkömmliche Stromturbinen antreibt – nur als eine Zwischenlösung. Der eigentliche Hoffnungsträger der Solartechnologie ist Fotovoltaik oder PV, wie es in der Fachwelt heißt. PV-Anlagen verwandeln Sonnenlicht direkt in Energie und kommen ohne aufwändige Kraftwerksbauten aus. Gegenwärtig ist in Israel ein Fotovoltaikkraftwerk mit einer Leistungskapazität von 70 Megawatt in Planung. Zudem fördert die Regierung die Installierung kleiner, dezentraler PV-Erzeugungseinheiten.
Das größte Problem herkömmlicher Fotovoltaikzellen ist ihr mit typischerweise 15 Prozent niedriger Wirkungsgrad. Dadurch wird Fotovoltaikstrom recht teuer. Und just an dieser Stelle hofft Israel jetzt auf raschen Durchbruch. Zwei israelische Unternehmen haben bereits angekündigt, PV auch ohne Subventionen wettbewerbsfähig machen zu wollen. Die Firma Zenith Solar setzt auf so genannte Konzentratortechnik, bei der Sonnenstrahlen mit Hilfe von Spiegeln gebündelt werden, bevor sie die Solarzelle erreichen. Zudem nutzt das Unternehmen die von den Zellen abgestrahlte Hitze zur Erhitzung von Wasser für den Bedarf von Wohnhäusern, Industriebetrieben, Hotels und öffentlichen Einrichtungen. Damit steigt der Gesamtwirkungsgrad der Anlagen auf drei Viertel der empfangenen Sonnenstrahlung. Das Jerusalemer Start-Up Solaris Synergy wiederum hat schwimmende PV-Anlagen entwickelt. Sie machen den Kauf knapper und teuerer Bodenflächen unnötig. Auch das macht den Sonnenstrom billiger.
Israel hat aber nicht nur den Vorteil kluger Köpfe – damit steht es in der Welt nicht allein -, sondern liegt auch in einer der einstrahlungsintensivsten Regionen des Planeten. Die im Jahresverlauf zu verzeichnende Zahl der Stunden mit klarem Sonnenschein liegt bei rund 3.200. Damit empfängt Israel je Flächeneinheit zwei- bis dreimal soviel Sonne wie Deutschland. Das wollen sich auch ausländische Solarunternehmen zunutze machen, die Israel inzwischen als Testgelände für PV-Technik entdeckt haben. Unter ihnen sind auch für deutsche Firmen. Im Juni dieses Jahres kündigte der deutsche Solarspezialist Concentrix Solar an, in Israel schlüsselfertige Konzentrator-PV-Anlagen anbieten zu wollen. Im August übernahm Siemens einen vierzigprozentigen Anteil an Arava Power, einer israelischen Firma, die im Negew das größte photovoltaische Energiefeld der Welt baut.
Ihrerseits will die Regierung den besonders sonnenreichen Landessüden mit massiven Fördermitteln zu einem Forschungs- und Entwicklungszentrum von Weltrang ausbauen. Wenn die „solare Revolution“ Realität wird und ein Großteil des Strombedarfs mit ihrer Hilfe gedeckt werden kann, müssen sich die Israelis nicht mehr über Moses ärgern.
wst