9. Jahrgang Nr. 9 / 25. September 2009 – 7. Tischri 5770

Zeit der Umkehr

An der Schwelle des Jahres 5770 – Von Rabbiner Dr. Joel Berger

Das jüdische Neujahrsfest unterscheidet sich wesentlich von allen Feierlichkeiten, die andere Religionen, Völker und Kulturen pflegen. Für die jüdische Tradition stehen diese Tage im Zeichen der Umkehr. Unsere Gelehrten meinten, dass die Teschuwa- Umkehr -, die die Gedankenwelt unseres Festes von uns verlangt, aus zweierlei Motivationen herrühren muss: Wir überdenken die Ereignisse des letzten Jahres auf unserem eigenen Lebensweg und sind auch bereit zu erkennen, dass uns im Umgang mit unseren Mitmenschen vielleicht schwere Fehler unterlaufen sind. Zweitens: wenn wir bereit sind dies zu erkennen und zuzugeben, können wir etwas leichter einen neuen Weg mit besseren Vorsätzen einschlagen. Die menschlichen Verfehlungen, die wir am Rosch Haschana unter die Lupe nehmen sollten, teilen die Rabbinen in zwei Kategorien ein: Mit Gewissheit haben wir gegen die g-ttliche Offenbarung, gegen die Tora und ihre Gebote verstoßen; dies werten wir als ob wir gegen G-tt gefehlt hätten. Kränkungen haben wir sicherlich auch unseren Freunden, Familienmitgliedern oder anderen Mitmenschen zugefügt. Für Letztere, so meinen unsere Weisen, müssen wir uns selber um Vergebung bemühen. Die Kränkungen wider Menschen se wiegen nach Bewertung der Weisen ebenso schwer, wie jene, die sich gegen G-tt gerichtet haben könnten. Solange wir dazu nicht bereit sind, können wir nicht von „Teschuwa“ reden. Die rabbinische Grundlage für dieses Verhalten liegt im Toravers aus dem 5. B .M.: „....und (wenn) du umkehrst zu dem Herren, „deinem G-tt“, und Seiner Stimme gehorchst, ganz so wie Ich dir heute gebiete..., dann wird der Herr dein G-tt sich deiner erbarmen und dich wieder aus allen Völkern einsammeln... ( 30:2-3)
Der Rambam (Maimonides) weicht in dieser Frage etwas von der Mehrheit der Rabbinen ab. In seinem Werk, in dem er die Gesetze der Tora analysiert und erfasst, bezeichnet er reumütige Umkehr nicht als eine Mitzwa, als ein Gebot G-ttes. Für den streng rationalen Denker kann der Herr die Teschuwa seinen Kindern nicht befehlen! Dies würde die Ernsthaftigkeit des ganzen Vorhabens in Frage stellen, ebenso die freienWillensentscheidung des Menschen tangieren. Gemäß dem Rambam, muss man von sich aus Reue zeigen und diese vor G-tt bekennen.
„Kehre einen Tag vor deinem Tode um“ (Awot 2:10) - formuliert die nachbiblische, rabbinische Lehre. Weil kein Mensch seinen Todestag im Voraus kennt, sollte man sich zeitlebens im möglichen Zustande der Umkehr befinden, da das Feld der Umkehr kein eingegrenztes Gebiet bleiben kann. Es erstreckt sich auf allen Bereiche des Lebens des Juden. Der Rambam schrieb in seinem Gesetzescodex (Hilchot Teschuwa 7:1): „Da jeder Mensch über sich selbst bestimmt, bemühe er oder sie sich, Teschuwa zu tun und sich der eigenen Verfehlungen zu entledigen.“ Aus dieser Formulierung wird deutlich, dass die freie Willensentscheidung des Menschen für uns postuliert ist. Das heißt: Der Mensch ist Herr über seine Taten und Handlungen, seine Reden und über seine Gedanken! Der Wille ist frei, daher müssen wir uns bemühen doch Teschuwa zu tun und fortwährend unsere Bemühungen dahingehend auszurichten, dass es uns gelingt unseren Charakter zu veredeln.
Nicht nur fröhlich klingende liturgische Weisen verhindern an diesem Gerichtstag G-ttes, wie Rosch Haschana genannt wird, das Aufkommen von Schwermut. Die Lektüren der traditionellen Literatur, wie auch die Erzählungen der Chassidim in der Gemeinschaft führen zur Besinnung und lassen die Hoffnung sprießen:
David, der legendäre König des alten Israels, war gewiss kein makelloser Heiliger. Im Gegenteil. Er hatte unter anderem durch den Vorfall mit Batschewa schwere Schuld auf sich geladen. Er begehrte sie, die Frau eines anderen, und nahm sich ohne zu zögern, was er wollte. Der Prophet Nathan erzählte ihm von einem armen Mann, dessen einziges Lamm von einem Reichen widerrechtlich genommen wurde. David war erregt, als er über diese schamlose Ungerechtigkeit hörte. Und als der Prophet, der Außenseiter der damaligen Gesellschaft, ihn bezichtigte: „Du bist es, der Reiche, der dem Armen sein einziges Lamm wegnahm“, reagierte der König mit einem Geständnis: „Ich habe gesündigt!“
Damit bewies David seine wahre Größe. Der Talmud erklärt hierzu mit der ihm eigenen Dialektik:, man könne fast sagen: David hätte zum Nutzen des Volkes der Israeliten gesündigt, damit man wenigstens einmal aus dem Munde eines großen Menschen, eines Herrschers, die Worte vernimmt: „Ich habe mich geirrt, ich habe Gesetze verletzt, übertreten“. Einen Irrtum zuzugeben, tut der Bedeutung einer Persönlichkeit keinen Abbruch. Das gilt, versteht sich, auch in unserer Zeit.