9. Jahrgang Nr. 9 / 25. September 2009 – 7. Tischri 5770

Die Herausforderung bleibt

Zwei Jahrzehnte nach Beginn der Zuwanderung blickt die jüdische Gemeinschaft in der Bundesrepublik auf das Erreichte zurück, ruht sich aber nicht auf ihren Lorbeeren aus

Zukunft 9. Jahrgang Nr. 9
Zukunft 9. Jahrgang Nr. 9
Von Stephan J. Kramer

Sommer und Herbst 1989. Der Ostblock zeigt Zerfallserscheinungen. An der Grenze zwischen Ungarn und Österreich fallen die Grenzanlagen, die Ost und West voneinander trennten. Das DDR-Regime gerät ins Wanken. Das ebnet den Weg zur deutschen Einheit. Staaten des „sozialistischen Bündnisses“ lösen sich aus dem Griff der Sowjetunion. Innerhalb von zwei Jahren wird auch diese Vergangenheit sein. Ein Sieg der Freiheit, der sich jedem damals politisch bewussten Menschen für immer ins Gedächtnis geprägt hat.
Die politische Wende in Europa war auch für die jüdische Gemeinschaft in der Bundesrepublik eine Zäsur. Ab 1989 wurde Deutschland zu einem Anziehungspunkt für Juden aus der damaligen Sowjetunion, die hierzulande nicht zuletzt Schutz vor Antisemitismus suchten. Aus der zuerst spontanen Absetzbewegung wurde eine zwischen der Bundesregierung und dem Zentralrat der Juden in Deutschland vereinbarte Zuwanderungsregelung – eine in die Zukunft weisende humanitäre Geste, mit der das wiedervereinigte Deutschland zugleich seiner historischen Verantwortung Rechnung trug.
In den letzten 20 Jahren sind über 100.000 Juden aus dem ehemaligen Räte-Verband in die Bundesrepublik eingewandert. Hatten die jüdischen Gemeinden Ende der achtziger Jahre rund 30.000 Mitglieder, so ist diese Zahl heute auf 120.000 angestiegen. In vielen Städten, in denen es kaum Juden gab, sind jüdische Gemeinden entstanden. Mit dem an Gelehrsamkeit und Vielfalt einmalig reichen jüdischen Leben, das in Deutschland vor der Nazi-Ära existierte, kann und sollte die jüdische Aufbauleistung der beiden letzten Jahrzehnte nicht verglichen werden. Allerdings ist das seit der Wende von den Gemeinden und anderen jüdischen Einrichtungen Erreichte ein Grund für berechtigten Stolz.
Bei einer weiteren Zuwanderergruppe handelt es sich um mitunter als „nichthalachische Juden“ bezeichnete Menschen, die wegen jüdischer Wurzeln Aufnahme in der Bundesrepublik fanden, aber keine Juden im Sinne der jüdischen Religion sind und daher nicht in die jüdischen Gemeinden aufgenommen werden können. Insgesamt sind im Rahmen der Zuwanderungsregelung 220.000 Menschen aus der ehemaligen UdSSR nach Deutschland übergesiedelt.
In der jüdischen Welt stieß die Immigration von Juden nach Deutschland – gerade nach Deutschland, wie es manchmal hieß – mitunter auf Kritik. Auch die israelische Regierung war zunächst alles andere als begeistert. Dem hielt und hält der Zentralrat entgegen, dass die jüdische Gemeinschaft in Deutschland weder Zuwanderer anwirbt, noch dem Staat Israel Neueinwanderer abspenstig macht. Die Wahl des Wohnortes Deutschland blieb stets eine persönliche Entscheidung der Betroffenen, die es auch bei emotional geprägten Einwänden zu respektieren galt. Diese Erkenntnis setzt sich übrigens immer mehr durch. Heute sind die Vorwürfe nahezu verstummt; Vertretern aus der Bundesrepublik kommt innerhalb internationaler jüdischer Organisationen erhebliches Gewicht zu.
Die Zuwanderer haben die deutsche Gesellschaft bereichert. Sie arbeiten an Hochschulen und in Forschungsabteilungen, in Industrieunternehmen und an Krankenhäusern. Als Musiker, Maler oder Schriftsteller leisten sie einen Beitrag zum Kulturleben ihres neuen Landes. Indessen stellt die wachsende jüdische Gemeinschaft mit ihren Werten über die Leistung Einzelner hinaus für Deutschland eine Bereicherung dar. Die Zuwanderung zeigt zugleich, dass die jüdischen Immigranten Vertrauen in das heutige Deutschland setzen. Bezeichnenderweise befinden sich unter den Zuwanderern auch Holocaustüberlebende, die trotz der während der Schoa erlittenen Verfolgung einen Neuanfang hierzulande wagten. Auch jüdische Veteranen des Zweiten Weltkrieges, die damals zur Befreiung Europas vom Nazismus beigetragen haben, haben Deutschland nun zu ihrer Wahlheimat gemacht.
Freilich: Problemfrei ist keine Migration. Die Integration von rund einhunderttausend neuen Mitgliedern stellte die Gemeinden vor eine fast unvorstellbare Aufgabenvielfalt. Die Tatsache, dass die Zuwanderer in einem antireligiösen Staat mit einem Juden gegenüber feindselig gesinnten Regime groß wurden, trug in vielen Fällen zu einer großen Entfremdung vom Judentum bei. Das macht besondere Anstrengungen bei der Vermittlung jüdischen Wissens und jüdischer Identität erforderlich. Ohne die materielle Unterstützung, die Bund und Länder hierbei leisten, wäre diese Herausforderung kaum zu meistern.
In den letzten Jahren hat sich das Tempo der Zuwanderung erheblich verlangsamt, und zwar nicht nur, ja nicht einmal hauptsächlich wegen veränderter Aufnahmebedingungen. Vielmehr scheint die unter Juden in der ehemaligen UdSSR bestehende, generelle Emigrationsneigung – jedenfalls in der gegenwärtigen Phase – stark nachgelassen zu haben.
Dennoch ist das Kapitel „Zuwanderung und Integration“ noch lange nicht abgeschlossen. In den kommenden Jahren gilt es, die Integrationsbemühungen entschlossen fortzusetzen und die Infrastruktur jüdischer Gemeinden und Einrichtungen konsequent an die gestiegenen Mitgliederzahlen anzupassen. Wir brauchen mehr Rabbiner, Kantoren und Religionslehrer und müssen die bestehenden Ausbildungsmöglichkeiten in diesem Bereich in Fortsetzung bisheriger Erfolge weiter ausbauen. Nicht minder wichtig sind ein Ausbau des jüdischen Schulwesens und ein breiteres Angebot an jüdischer Erwachsenenbildung sowie die Betreuung junger Familien. Schließlich müssen alle Altersstufen der Zuwanderer stärker in die Gemeindearbeit eingebunden werden. Das gilt auch für eine verstärkte Übernahme von Führungsposition in Gemeinden und anderen Einrichtungen jüdischen Lebens. Diese Entwicklung ist bereits angelaufen, muss aber gefördert werden.
Ein besonderes Problemfeld ist die Einbeziehung der „nichthalachischen Juden“ ins jüdische Leben in der Bundesrepublik. Viele Angehörige dieser Gruppe bekennen sich zum Judentum, sei es im Sinne religiöser Werte, sei es im Sinne einer Volkszugehörigkeit – wobei die beiden Aspekte einander natürlich nicht ausschließen. Auf der anderen Seite aber ist es den als religiöse Institutionen aufgestellten Gemeinden nicht möglich, die „Nichthalachischen“ in ihre Reihen aufzunehmen: ein Schwebezustand, unter dem nicht nur die Betroffenen leiden, sondern der auch den Interessen der jüdischen Gemeinschaft als ganzes abträglich ist. Wir müssen Wege finden, diesen Menschen den Zugang zu ihrer jüdischen Identität zu erleichtern, ohne sie, versteht sich, in welcher Weise auch immer zu missionieren. Ich hoffe, dass es gelingt, dafür einen passenden Rahmen zu finden.
Für den Zentralrat bleibt anhaltende Integrationsarbeit auch im dritten Jahrzehnt nach Europas großer Zäsur eine vordringliche Aufgabe. Von ihrem Erfolg hängt die künftige Entwicklung der jüdischen Gemeinschaft entscheidend ab.