22.09.2009

Zwanzig Jahre jüdische Zuwanderung nach Deutschland

Mediendienst 22.09.2009

Berlin, 22. September 2009, 4. Tischrei 5770

Zum zwanzigsten Jahrestag des Mauerfalls und der politischen Wende in Europa legt der Zentralrat der Juden in Deutschland eine Bilanz der Entwicklung jüdischen Lebens in den vergangenen zwei Jahrzehnten vor. Einer Zusammenfassung folgt eine ausführliche Darstellung der mit dem Zerfall des Ostblocks beginnenden jüdischen Zuwanderung aus der UdSSR beziehungsweise deren Nachfolgestaaten in die Bundesrepublik. Der Nachdruck ist unter Quellenangabe erlaubt.

Zusammenfassung

Das Jahr 1989, das die deutsche Einheit eingeläutet hatte, bedeutete auch für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland eine Zäsur. Der zu diesem Zeitpunkt bereits erkennbare Umbruch in der Sowjetunion löste bei jüdischen Sowjetbürgern nicht nur Freude, sondern auch Angst vor erstarkenden Manifestationen des Antisemitismus aus. Für viele von ihnen wurde Deutschland ein Zufluchtsort. 1991 beschlossen Bund und Länder eine offizielle Zuwanderungsregelung für Juden aus der UdSSR. Im Rahmen der einschlägigen Bestimmungen fanden die Zuwanderer in der Bundesrepublik Aufnahme als so genannte Kontingentflüchtlinge. Insgesamt sind in den beiden letzten Jahrzehnten 220.000 Menschen im Rahmen der „jüdischen Zuwanderung" nach Deutschland gekommen. Rund die Hälfte dieses Personenkreises waren Juden im Sinne der religiösen Definition. Bei den anderen handelte es sich um Personen mit jüdischen Vorfahren oder mitreisende nichtjüdische Ehepartner.

Heute zählen die jüdischen Gemeinden rund 120.000 Mitglieder – das Vierfache des Standes von 1989. In vielen Städten, vor allem in den neuen Bundesländern, wurden Gemeinden neu gegründet. In vielen Städten Deutschlands wurden neue Synagogen gebaut. Zwei Rabbinerausbildungsstätten haben ihre Pforten eröffnet: das liberale Abraham-Geiger-Kolleg und das orthodoxe Hildesheimersche Rabbinerseminar. Inzwischen sind mehrere in Deutschland ausgebildete Rabbiner ordiniert worden. Andere kamen aus dem Ausland, um die jüdischen Gemeinden zu betreuen. Gegenüber 1989 hat sich die Zahl der Gemeinderabbiner verdreifacht.

Die Zuwanderungswelle war auch eine psychologische Zäsur. In den ersten Jahrzehnten nach dem Holocaust war jüdisches Leben in Deutschland alles andere als eine Selbstverständlichkeit – auch für die jüdischen Bundesbürger selbst. Mit der Zuwanderung aus der Ex-UdSSR änderte sich das jüdische Selbstverständnis grundlegend. Auf einmal wurden die vermeintlich nicht auf Dauer angelegten Gemeinden zu einem Anker für die Neuzuwanderer. Damit konnten sich viele Alteingesessene in ihrer seinerzeit unter Gewissensbissen getroffenen Entscheidung für den Wohnort Deutschland bestätigt sehen.

Bei ihren Integrationsbemühungen können die jüdischen Gemeinden – von Bund und Ländern materiell und immateriell unterstützt – große Erfolge vorweisen. Indessen bleiben noch viele Herausforderungen offen. Die Integration von rund einhunderttausend neuen Mitgliedern stellte die Gemeinden vor gewaltige Aufgaben. Die Tatsache, dass die Zuwanderer in einem antireligiösen Staat mit einem Juden gegenüber feindselig gesinnten Regime groß wurden, trug in vielen Fällen zu einer großen Entfremdung vom Judentum bei. Das macht besondere Anstrengungen bei der Vermittlung jüdischen Wissens und jüdischer Identität erforderlich. Auch muss die religiöse Infrastruktur weiter ausgebaut werden. Für eine erfolgreiche Entwicklung der Gemeinden sind mehr Rabbiner, Kantoren und Religionslehrer sowie ein weiterer Ausbau des jüdischen Schulwesens erforderlich.

In den letzten Jahren hat sich das Tempo der Zuwanderung erheblich verlangsamt, und zwar nicht nur wegen veränderter Aufnahmebedingungen. Vielmehr hat die unter Juden in der ehemaligen UdSSR bestehende Emigrationsneigung generell nachgelassen. Dennoch bleibt Integrationsarbeit eine vordringliche Aufgabe.

(Es folgt der volle Text)

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Deutsche Wende – Neuanfang für Juden

Vor zwanzig Jahren begann die jüdische Zuwanderung aus der UdSSR / Zahl der Gemeindemitglieder vervierfacht

(Nachdruck unter Quellenangabe erlaubt)

1. Zuwanderung

1989 war ein deutsches Schicksalsjahr. Der Zerfall des Ostblocks begann, die innerdeutsche Grenze hörte auf zu bestehen. Nicht einmal ein Jahr nach der Maueröffnung im November war Deutschlands staatliche Einheit wiederhergestellt.

Die große politische Wende bedeutete auch für die jüdische Gemeinschaft Deutschlands einen tiefen Einschnitt und eine Weichenstellung für die Zukunft. In diesem Fall ging es nicht um die Zusammenführung jüdischer Gemeinden in West und Ost. Die jüdische Bevölkerung der DDR war klein; die meisten im „deutschen Arbeiter- und Bauernstaat" lebenden Juden hatten sich nicht für jüdische Belange engagiert. Im Wendejahr zählten die fünf jüdischen Gemeinden der DDR und Ostberlins nicht mehr als 400 Mitglieder. Nach der Vereinigung traten die ostdeutschen Gemeinden dem Zentralrat der Juden in Deutschland bei – menschlich wie politisch wichtig, für die Gemeinschaft als Ganzes aber nicht entscheidend.

Die wirkliche Zäsur war die bereits 1989 einsetzende Zuwanderung sowjetischer Juden nach Deutschland. Die sich zu diesem Zeitpunkt bereits angelaufene politische Umwälzung in der UdSSR löste bei jüdischen Sowjetbürgern nicht nur Freude, sondern auch Angst vor erstarkenden Manifestationen des Antisemitismus aus. Das war ein wesentlicher Grund, aus dem Juden das sich wiedervereinigende Deutschland als einen neuen, sichereren Wohnort ins Auge fassten. Kurz nach der Öffnung beziehungsweise dem Fall der Berliner Mauer führte die Absetzbewegung vor allem in die damals noch existierende DDR, doch erreichte die Migrationswelle schnell auch den Westen Deutschlands.

Nach Verhandlungen mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland beschlossen Bund und Länder eine offizielle Zuwanderungsregelung für Juden aus der UdSSR. Im Rahmen der einschlägigen Bestimmungen fanden die Zuwanderer in der Bundesrepublik Aufnahme als so genannte Kontingentflüchtlinge - eine humanitäre Geste, mit der das wiedervereinigte Deutschland auch seiner historischen Verantwortung Rechnung trug.

2. Wachstum der Gemeinden

Die Regelung galt für Juden im Sinne der jüdischen Religion, also Kinder jüdischer Mütter, ebenso wie für Kinder jüdischer Väter und nichtjüdischer Mütter sowie für Familienangehörige von Aufnahmeberechtigten. Die beiden letzten Gruppen konnten von jüdischen Gemeinden nicht als Mitglieder aufgenommen werden. Insgesamt sind in den beiden letzten Jahrzehnten 220.000 Menschen im Rahmen der „jüdischen Zuwanderung" nach Deutschland gekommen. Rund die Hälfte dieses Personenkreises waren Juden im Sinne der Religion.

Durch die Zuwanderung ist die Zahl der Mitglieder jüdischer Gemeinden über alle Grenzen hinaus angestiegen, die vor Europas Umwälzung denkbar waren. Heute zählen die jüdischen Gemeinden 120.000 Mitglieder – das Vierfache des Standes von 1989. Mit rund 11.000 Mitgliedern ist die Berliner Gemeinde die größte Deutschlands, gefolgt von München mit 9.000 Mitgliedern sowie Düsseldorf und Frankfurt am Main mit einer Mitgliederzahl von jeweils mehr als 7.000. In München, um ein Beispiel zu nennen, hat sich die Zahl der Mitglieder gegenüber 1989 verdoppelt, in Düsseldorf ungefähr vervierfacht. In vielen Städten, vor allem in den neuen Bundesländern, wurden Gemeinden neu gegründet. In Rostock, in dem zu DDR-Zeiten keine jüdische Gemeinde gab, sind heute mehr 700 Mitglieder verzeichnet, nahezu ausschließlich Zuwanderer aus der Ex-UdSSR. In Leipzig wuchs die Mitgliederzahl von 30 Ende der achtziger Jahre auf 1.200 heute an. Insgesamt gibt es heute in der Bundesrepublik 107 jüdische Gemeinden, die in 23 Landesverbänden organisiert sind und auf Bundesebene vom Zentralrat der Juden in Deutschland repräsentiert werden.

In vielen Städten Deutschlands wurden neue Synagogen gebaut. Zwei Rabbinerausbildungsstätten haben ihre Pforten eröffnet: das liberale Abraham-Geiger-Kolleg und das orthodoxe Hildesheimersche Rabbinerseminar. Inzwischen sind mehrere in Deutschland ausgebildete Rabbiner ordiniert worden.

3. Neues Selbstverständnis

Die Zuwanderungswelle war aber nicht nur in quantitativer Hinsicht eine Zäsur, sondern markierte letztendlich auch den Übergang zu einem neuen Selbstverständnis der in Deutschland lebenden Juden. In den ersten Jahrzehnten nach dem Holocaust war jüdisches Leben in Deutschland alles andere als eine Selbstverständlichkeit. In der jüdischen Welt wurden Glaubensbrüder und -schwestern, die sich nach Ende des Zweiten Weltkrieges zum Verbleib im Land der Täter entschlossen hatten, oft als Verräter geächtet. Auch die meisten Betroffenen selbst wollten nicht auf Dauer in Deutschland bleiben oder wollten sich dies zumindest nicht eingestehen. „Wir leben auf gepackten Koffern" - so lautete ein damals oft gehörter Spruch, auch wenn die Koffer in der Praxis längst wieder auf dem Dachboden lagerten. Zu den Gründungsvätern der Nachkriegsgemeinden – deutschen Juden aus der Vorkriegszeit und aus Osteuropa stammenden Bewohnern der nach dem Krieg auf deutschem Boden gegründeten DP-Lager – gesellten sich im Laufe der Zeit neue Flüchtlingsgruppen: Juden aus Ungarn, aus der Tschechoslowakei, Polen und sogar aus dem Iran. Dennoch war der Verbleib in Deutschland auch in den achtziger Jahren für viele hierzulande lebende Juden ein seelischer Ausnahmezustand.

Mit der Zuwanderung aus der Ex-UdSSR änderte sich das jüdische Selbstverständnis grundlegend. Auf einmal wurden die vermeintlichen Liquidationsgemeinden zu einem Anker für die Neuzuwanderer. Juden, die jahrzehntelang Probleme mit ihrem Leben in Deutschland hatten, erlebten, dass ex-sowjetische Juden nach Deutschland drängten, um hier Schutz zu suchen. Damit konnten sich viele Alteingesessene in ihrer seinerzeit unter Gewissensbissen getroffenen Entscheidung für den Wohnort Deutschland bestätigt sehen. Das jüdische Leben in Deutschland bekam nun auch im innerjüdischen Verhältnis den endgültigen Stempel der Legitimität.

Auch in der jüdischen Welt jenseits der Grenzen der Bundesrepublik klang die Kritik an jüdischer Einwanderung nach Deutschland, oder „ausgerechnet nach Deutschland", wie es schon mal hieß, nach und nach ab. Heute kommt Vertretern aus der Bundesrepublik innerhalb jüdischer Organisationen erhebliches Gewicht zu.

4. Herausforderungen

Die Zuwanderer haben die deutsche Gesellschaft bereichert. Sie arbeiten an Hochschulen und in Forschungsabteilungen, in Industrieunternehmen und an Krankenhäusern. Als Musiker, Maler oder Schriftsteller leisten sie einen Beitrag zum Kulturleben ihres neuen Landes. Indessen stellt die wachsende jüdische Gemeinschaft mit ihren Werten über die Leistung Einzelner hinaus für Deutschland eine Bereicherung dar. Auch für das Ansehen der Bundesrepublik – in der jüdischen Welt wie in der internationalen Politik allgemein – war die Aufnahme jüdischer Flüchtlinge vorteilhaft.

Bei ihren Integrationsbemühungen können die jüdischen Gemeinden – von Bund und Ländern materiell und immateriell unterstützt – große Erfolge vorweisen. Die Vervierfachung der Mitgliederzahl und die Errichtung neuer Gemeinden wurden organisatorisch gut bewältigt. Das in Deutschland traditionell geltende Modell der jüdischen Einheitsgemeinde – hierbei sind in der jeweiligen Stadt unterschiedliche Strömungen des Judentums im Rahmen ein- und derselben Gemeinde vertreten – hat sich bewährt. Zuwanderer rücken zunehmend in Führungspositionen im jüdischen Leben auf, auch wenn dieser Prozess fortgesetzt werden muss.

Indessen bleiben noch viele Herausforderungen offen. Die Integration von rund einhunderttausend neuen Mitgliedern stellte die Gemeinden vor gewaltige Aufgaben, denen eine für 30.000 Gemeindemitglieder angemessene Infrastruktur nicht gewachsen war. Trotz des inzwischen erfolgten Ausbaus sind noch nicht alle Schwierigkeiten gelöst. So ist die Zahl der Gemeinderabbiner zwar von rund fünfzehn auf heute 42 gestiegen, doch ist das nicht ausreichend. Viele Gemeinden werden kaum rabbinisch betreut. Um das Problem wenigstens teilweise zu entschärfen, setzt der Zentralrat der Juden in Deutschland drei so genannte Wanderrabbiner ein. Sie versuchen, bei Gemeinden, die keinen eigenen Rabbiner haben, wenigstens ein Mindestmaß an religiöser Führung und Unterweisung zu gewährleisten. Eine Ideallösung ist das nicht. Die Tatsache, dass die Zuwanderer in einem antireligiösen Staat mit einem Juden gegenüber feindselig gesinnten Regime groß wurden, trug in vielen Fällen zu einer großen Entfremdung vom Judentum bei. Das macht besondere Anstrengungen bei der Vermittlung jüdischen Wissens und jüdischer Identität erforderlich. (Siehe nachfolgendes Interview mit Rabbiner Dr. Joel Berger).

Ein besonderes Problemfeld ist die Einbeziehung von Personen jüdischer Abstammung, die keine Juden im Sinne des Religionsgesetzes sind, ins jüdische Leben. Viele Angehörige dieser Gruppe bekennen sich zum Judentum, sei es im Sinne religiöser Werte, sei es im Sinne einer Volkszugehörigkeit – wobei die beiden Aspekte einander natürlich nicht ausschließen. Auf der anderen Seite aber ist es den als religiöse Institutionen aufgestellten Gemeinden nicht möglich, sie in ihre Reihen aufzunehmen: ein Schwebezustand, unter dem nicht nur die Betroffenen leiden, sondern der auch den Interessen der jüdischen Gemeinschaft als ganzes abträglich ist. Diesen Menschen muss der Zugang zu ihrer jüdischen Identität erleichtert werden, selbstverständlich ohne, dass sie in welcher Weise auch immer zum formalen Glaubensübertritt angehalten werden. Das Judentum ist keine missionierende Religion; Konversionen sind möglich, bleiben aber der Entscheidung und dem Willen des Einzelnen überlassen.

In den letzten Jahren hat sich das Tempo der Zuwanderung erheblich verlangsamt, und zwar nicht nur wegen veränderter Aufnahmebedingungen. Vielmehr scheint die unter Juden in der ehemaligen UdSSR bestehende, generelle Emigrationsneigung stark nachgelassen zu haben. Dennoch ist das Kapitel „Zuwanderung und Integration" noch lange nicht abgeschlossen. Für den Zentralrat bleibt anhaltende Integrationsarbeit auch im dritten Jahrzehnt nach der Wende eine vordringliche Aufgabe. Von ihrem Erfolg hängt die Entwicklung der jüdischen Gemeinschaft in den kommenden Jahrzehnten entscheidend ab.

Interview mit Rabbiner Dr. Joel Berger

Rabbiner Dr. Joel Berger wurde im Jahre 1937 in Budapest geboren. 1968 durfte Berger, fünf Jahre vorher zum Rabbiner ordiniert, in den Westen ausreisen. Im darauf folgenden Jahrzehnt war er in mehreren deutschen Städten sowie im schwedischen Göteborg als Gemeinderabbiner tätig. Ab Ende der siebziger Jahre bis zu seiner Pensionierung im Jahre 2002 war er Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Stuttgart; ab 1985 diente er zugleich als Landesrabbiner von Württemberg und war auch Sprecher der Deutschen Rabbinerkonferenz. Auch im Ruhestand ist Berger im jüdischen Leben wie im Dialog der monotheistischen Religion aktiv und hat einen Lehrauftrag an der Universität Tübingen. Über die Entwicklung des jüdischen Religionslebens in Deutschland und die jüdische Zuwanderung aus der ehemaligen UdSSR sprach Berger mit dem Mediendienst des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Frage: Herr Rabbiner Berger, Sie sind in Deutschland seit vier Jahrzehnten als Rabbiner tätig. Wie haben sich die jüdischen Gemeinden in dieser Zeit verändert?

Antwort: Ende der sechziger Jahre waren die Gemeinden von deutschen Juden, die den Holocaust in Europe überlebt hatten oder nach Übersee geflüchtet waren, und von Juden aus osteuropäischen Ländern geprägt. Es gab viele Gemeindemitglieder, die sich im G-ttesdienst genau auskannten. Zum Teil waren das Menschen, die selbst in Jeschiwot (Talmudakademien) studiert hatten und die auch in den Nachkriegsgemeinden regelmäßig Tora-Kommentare studierten. Als Rabbiner fühlte ich mich in einer traditionellen jüdischen Umgebung natürlich heimisch. Auf der anderen Seite aber versäumte es die jüdische Gemeinschaft im Nachkriegsdeutschland, Ausbildungsstätten für Rabbiner zu schaffen und eine feste Grundlage für die langfristige Entwicklung des religiösen Lebens zu legen.

Frage: Ist das nicht nachvollziehbar? In den ersten Jahrzehnten nach dem Holocaust glaubten die Juden, in Deutschland, dem Land der Täter, „auf gepackten Koffern" zu leben. Schon bald, so hieß es, werde man auswandern. Eine feste Zukunftsgrundlage war nicht vorgesehen. Eine „Liquidationsgemeinde" bildet keine Rabbiner aus.

Antwort: Ich denke, dass an dieser These auch dann noch festgehalten wurde, als klar war, dass sie in der Praxis nicht griff. Das hat sich später gerächt. Als ab Ende der achtziger die Juden aus der Sowjetunion kamen – eine gewiss unvorhersehbare Entwicklung -, war keine ausreichende Infrastruktur da, auf die man bei der gigantischen Aufgabe, sie in die Gemeinden zu integrieren, hätte zurückgreifen können.

Frage: Die Zahl der Gemeindemitglieder hat sich innerhalb von zwei Jahrzehnten vervierfacht. Heute sind fast neun von zehn Mitgliedern jüdischer Gemeinden Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion. Kann eine solche Mehrheit von der alteingesessenen überhaupt integriert werden? Zudem haben die meisten Zuwanderer in der UdSSR allenfalls wenig über das Judentum gelernt.

Antwort: Solche Zahlenverhältnisse hätten die Eingliederung der Zuwanderer in jedem Fall zu einer Herausforderung gemacht. Zudem wurden auch viele neue Gemeinden gegründet, in denen es praktisch nur Mitglieder aus der Ex-UdSSR gab. Da war niemand da, der sie hätte integrieren können. Bis heute gibt es Gemeinden, in denen es Mitglieder, aber weder einen Rabbiner noch eine Tora-Rolle oder ein geregeltes Religionsleben gibt.

Es stimmt, dass die meisten Zuwanderer nicht auf Anhieb in die Synagoge gehen und am G-ttesdienst nehmen konnten. Sie mussten erst an die Grundbegriffe des Judentums herangeführt werden. Oder hätten es werden müssen – keine leichte Aufgabe. Durch die ungenügende religiöse Infrastruktur wurde sie zusätzlich erschwert. Hätten wir vor zwanzig Jahren Rabbinerausbildungsstätten gehabt, wäre es möglich gewesen, die religiöse Betreuung der Gemeinden Rabbinern anzuvertrauen – Alteingesessenen wie Zuwanderern -, die hierzulande leben und mit den Verhältnissen vertraut sind. Ich selbst hatte den Vorteil, sowohl Deutschland als auch die osteuropäische Mentalität zu kennen. Das hat mir sehr geholfen und war sicher ein wichtiger Grund, aus dem die Integration der Zuwanderer in Stuttgart – wenn ich das sagen darf – relativ erfolgreich verlaufen ist.

Frage: Die Zahl der Rabbiner hat sich seit Beginn der Zuwanderung ungefähr verdreifacht. Heute sind in den Gemeinden über vierzig Rabbiner tätig.

Antwort: Dafür sollten wir auch dankbar sein. Ich sage aber ganz offen: Rabbiner, die Land und Leute nicht kennen, haben es schwerer, den Bedürfnissen ihrer Gemeindemitglieder gerecht zu werden. Viele der heute in Deutschland tätigen Rabbiner kommen aus Israel, und es liegt mir fern, die israelische Rabbinerausbildung als religiös inadäquat zu kritisieren. Ganz im Gegenteil: Sie ist umfassend und solide. Nur stoßen „importierte" Rabbiner, die keine ausreichende Diasporaerfahrung im Allgemeinen und Deutschlanderfahrung im Besonderen haben, bei der Ausübung ihrer Arbeit eben auf gewisse Schwierigkeiten. Das ist, wie gesagt, nicht als Vorwurf zu verstehen, sondern eine unvermeidliche Folge früherer Versäumnisse. Wir können nur hoffen, dass sich die inzwischen hierzulande geschaffenen Ausbildungsmöglichkeiten für Rabbiner bewähren, doch muss Beispielsweise auch die Ausbildung von Religionslehrern erheblich ausgebaut werden. Meiner Meinung nach muss die Zahl der Religionslehrer verdoppelt werden. Das würde helfen.

Frage: Also haben Sie trotz aller Probleme Hoffnung.

Antwort: Es ist unsere vordringlichste Aufgabe, den aus der ehemaligen Sowjetunion zugewanderten Juden den Weg zur Tradition ihrer Väter zu erleichtern. Besonders wichtig ist es dabei, auch junge Menschen, darunter auch Familien mit Kindern, zum Eintritt in die Gemeinden zu bewegen. Beim Auszug aus Ägypten sagte Moses „Wir wollen hinziehen mit Jung und Alt, mit unseren Söhnen und Töchtern". Das sehe ich auch als unsere Aufgabe hier und heute: Wir müssen alles tun, um unseren Glauben auch der jüngeren Generation näher zu bringen. Im Gebet ersuchen wir G-tt, uns das „Lernen und Lehren, das Bewahren und das Tun" möglich zu machen, um bessere Menschen und bessere Juden zu werden. Genau das müssen wir auch im Verhältnis zu den Zuwanderern tun: von ihnen lernen, um sie besser verstehen zu können, ihnen beim Lernen helfen, gemeinsam unsere Tradition bewahren und uns aktiv dafür einsetzen. Für Passivität und Hoffnungslosigkeit ist da kein Platz.

V.i.S.d.P.: Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in
Deutschland K.d.ö.R.