9. Jahrgang Nr. 8 / 28. August 2009 - 8. Elul 5769

Land der Vorfahren

Ein Südafrikaner sucht in Litauen Stätten seiner Familiengeschichte auf

Paul Abramowitz lebt in Kapstadt, doch führen die Spuren seiner Familie nach Wilna. Kein Wunder: Rund achtzig Prozent der südafrikanischen Juden stammen von Emigranten aus Litauen ab. Nun beugen sich Paul und die Archivarin Galina Baranova über ein altes Registerbuch, in dem die Geburtsdaten von Pauls Großvater Wolff und anderen Familienangehörigen mütterlicher wie väterlicherseits vermerkt sind. Immer neue Fakten über Geburten und Hochzeiten, Wohnorte und Berufe kommen zum Vorschein, nimmt die Geschichte seiner Familie für den Gast feste Gestalt an. Paul beschließt, die Orte, die er in Archivbüchern gefunden hat, persönlich zu besichtigen.
Zunächst aber geht es nach Kowna. Hier hat zwar keiner von Pauls Vorfahren gelebt, doch hat er in dieser Stadt entfernte Verwandte. Seinerzeit trat Pauls Großtante Friede zum Christentum über, um einen nichtjüdischen Schulfreund zu heiraten. Als ihre Eltern und zehn Geschwister 1910 nach Südafrika emigrierten, blieb Frieda zurück. Während des Holocaust wurde sie von ihrem Ehemann vor der Verfolgung geschützt. In Kowna warten auf Paul Friedas drei Enkelinen, die wiederum ihre Kinder und Enkel mitbringen. Die beiden Familienzweige sind durch Sprache, Religion und Sozialisierung getrennt. Trotzdem entsteht ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Die Familie schlendert durch die Kownaer Altstadt. Das Ziel ist die Synagoge. Im kleinen Zimmer unter der Kuppel brennt Kerzenlicht, eine im Gebet sich bewegende Figur gibt dem Bild eine mystische Note.
Die Spuren der Familie väterlicherseits führen Paul nach Ponewesch. Vor dem Krieg war Ponewesch eine überwiegend jüdische Stadt. In einem Waldgebiet am östlichen Rand der Stadt, Pajuostis wurden 1941 über 10.000 Juden erschossen. Dort gibt es eine improvisierte aber bewegende Gedenkstätte: In der Mitte einer kleinen, eingezäunten Fläche steht ein hoher Tisch, wie eine Bima, mit der israelischen Fahne bedeckt. Darauf liegen Steine. Zwei Reihen unbepflanzter Erde symbolisieren Massengräber.
Wissen die Bewohner der benachbarten Häuser, wo sie wohnen? Wohl kaum. Woher auch: Im Städtischen Museum von Panevėžys, wie die Stadt auf Litauisch heißt, werden Juden nicht erwähnt. Allerdings sind unter der im Archiv notierten Adresse noch Spuren seiner Vorfahren zu sehen. Ein Wohnhaus, nun für ein Bistro, zwei Büros und einen Laden umgebaut, ein alter Wasserbrunnen, Reste einer Mühle und die Synagoge, die Familie Abramowitz für alle Nachbarn auf ihrem Grundstück errichtet hat. Schon seit zwanzig Jahren ist hier eine Reparaturwerkstatt für Waagen untergebracht. Die neuen Besitzer des ehemaligen Abramowitz-Anwesens empfangen den Gast mit Herzlichkeit. Ein Mieter erzählt: In den sechziger Jahren wurde er von seinen jüdischen Nachbarn gebeten, Mazot aus Wilna nach Ponewesch zu transportieren. Das habe er auch getan, weil das KGB bei ihm, einem sowjetischen Offizier und Litauer, nie Verdacht schöpfen würde.
Weniger angenehm verläuft der Besuch in den zwei Ortschaften, aus denen die Familie von Pauls Mutter stammt, Krozh (Litauisch: Kražiai) und Lawkow (Laukuva). Die Häuser, in denen der Apotheker Zachs und der Kaufmann Preis gelebt haben, sind nicht mehr zu finden. Im städtischen Museum erfährt Paul jedoch, wo die Synagoge stand. Die Strasse sieht genauso aus wie vor hundert oder zweihundert Jahren. Staubige Wege, einstöckige Holzhäuser sogar ein Pferdewagen machen das Bild authentisch.
Ob die Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts ausgereisten Familien in Palanga ihren Urlaub gemacht haben, ist fraglich, jedoch wurde dieser Kurort vor dem Krieg durch jüdische Urlauber mitgeprägt. Hier wird liebevoll ein kleiner, alter jüdischer Friedhof gepflegt. Der schlichte Gedenkstein hält fest: „Hier wurden 111 Palangauer Juden ermordet“. Auf der Heimreise nach Kapstadt nimmt Paul Mitbringsel mit, doch sind die wirklich wichtigen Andenken nun fest in sein Gedächtnis gebrannt: die Bilder, die auf einmal zum Greifen nahe Geschichte, zehn tausend Kilometer von Zuhause entfernt.
Irina Leytus