9. Jahrgang Nr. 8 / 28. August 2009 - 8. Elul 5769

„Ich wollte es den Unbelehrbaren nicht leicht machen“

Chaim Kornblum arbeitet als Rabbiner in Gelsenkirchen

Lange Jahre hatte Chaim Kornblum, 1960 in Essen geboren, als Jude in Deutschland ohne nennenswerten Vorfall gelebt. Niemals hatte ihn jemand angefeindet. Bis zu jener Nacht auf den 25. März 1994, in der ihn ein lauter Knall plötzlich aus dem Schlaf riss. „Ich dachte erst an einen Blitz und an ein Gewitter“, erzählt Kornblum, der damals als Kantor der Lübecker Synagoge tätig war. Als er aber aus dem Fenster blickte, sah er Flammen aus der Synagoge schlagen. Antisemiten hatten einen Molotow-Cocktail in das Gotteshaus geschleudert. Kornblum wurde Zeuge des ersten Anschlags auf eine Synagoge in der Bundesrepublik.
Kornblum reagierte schnell, rief die Feuerwehr und alarmierte die Bewohner. Auch dank ihm verlor niemand sein Leben. Nach dem Vorfall begann der heutige Rabbiner von Gelsenkirchen jedoch zu zweifeln. „Ich machte mir Gedanken, ob ich bleiben sollte“, sagt er, „doch so einfach wollte ich es diesen Unbelehrbaren, die mich hier nicht haben wollten, nicht machen.“ Und so blieb Kornblum, sogar als nur ein Jahr später ein weiterer Brandanschlag die Lübecker Gemeinde erschütterte.
2006 verließ Kornblum Deutschland dann doch – allerdings mit dem festen Wunsch, wieder zurückzukehren. Kornblum ging, um sich in Israel zum Rabbiner ausbilden zu lassen. „Ich habe auch die Notwendigkeit gesehen, hier in Deutschland wieder etwas aufzubauen. Deswegen habe ich mich dafür entschlossen“, sagt er. Dafür nahm der sogar die Trennung von seiner Familie in Kauf, die heute noch immer in Lübeck lebt. Kornblum sieht seine beiden Kinder und seine Frau, eine Ärztin, oft nur ein- oder zweimal im Monat.
Kornblums Eltern waren vor den Nazis bis nach Shanghai geflohen, kamen aber aus wirtschaftlichen Gründen Ende der fünfziger Jahre nach Deutschland zurück. Sie erzogen den kleinen Chaim sehr religiös und gingen mit ihm mindestens einmal wöchentlich in die Synagoge. Die Gottesdienste machten dem Jungen Freude. „Besonders von den Melodien fühlte ich mich sehr angesprochen. Ich hörte mir auch immer wieder eine Schallplatte meines Vaters mit berühmten Kantoren an“, erinnert sich Kornblum. So wuchs in ihm der Wunsch, später einmal Kantor zu werden.
Um wirtschaftlich abgesichert zu sein, lernte er zunächst einmal Kaufmann. Anfang der neunziger Jahre machte er seinen Kindheitstraum jedoch wahr und ließ sich in Israel zum Kantor ausbilden. Nach kurzer Station in Magdeburg, nahm er schließlich die Stelle in Lübeck an und arbeitete dort zwölf Jahre.
Anfang 2008 begann er als Rabbiner in Gelsenkirchen. Er ist damit der erste, der nach der Schoa dieses Amt in Gelsenkirchen ausübt. „Das ist eine große Herausforderung. Ich wusste, dass ich hier noch viel bewegen kann und fühle mich sehr gefordert“, sagt Kornblum. Derzeit will er vor allem junge Eltern intensiver unterstützen und die Jugendarbeit verbessern. Als frischer Rabbiner erlebt er noch jede Menge Premieren. Erst vor einigen Wochen hatte sein erster Schüler Bar Mizwa. Alles lief glatt. Wie der Junge aus der Tora vorlas, machte Kornblum stolz: „Der Junge hat das hervorragend gemacht.“
Frederic Spohr