9. Jahrgang Nr. 8 / 28. August 2009 - 8. Elul 5769

Aufbau in Geldnot

Die Weltwirtschaftskrise belastet das jüdische Leben in der Ex-UdSSR

Zweifelsohne ist der seit Anfang der neunziger Jahre erfolgte Aufbau jüdischer Institutionen in der ehemaligen Sowjetunion eine herausragende Leistung. Wo Juden in Zeiten des real existierenden Sozialismus ihre Religion und Kultur kaum pflegen durften oder es im Untergrund tut mussten, sind seit der Auflösung des Räteverbandes Hunderte aktiver Kultusgemeinden, Schulen und anderer Einrichtungen entstanden. Indessen wird das Aufbauwerk heute von der Weltwirtschaftskrise überschattet. Der überwiegende Teil der Mittel, mit denen das expandierende Netz jüdischer Institutionen finanziert wird, stammt aus der westlichen Diaspora. Dort aber geraten jüdische Philanthropen in den Sog der Wirtschaftskrise.
Die Folgen, weiß Asher Ostrin, Direktor der GUS-Abteilung der jüdisch-amerikanischen Wohlfahrtsorganisation „Joint“, sind danach: „Die Spenden für den Ausbau wie für den laufenden Betrieb jüdischer Einrichtungen in der ehemaligen UdSSR sind heute nicht so leicht aufzubringen. Sowohl führende Akteure wie die Jewish Agency und die Chabad-Bewegung als auch kleinere Organisationen mussten ihre Tätigkeit auf dem Gebiet der Religion, der Kultur, der Jugendarbeit und vielen anderen einschränken.“ Die große Frage, so Ostrin,lautet, ob der Rückschlag temporärer Natur sein oder nachhaltige Folgen haben wird.
Besondere Bedeutung für die Festigung jüdischer Identität und damit für die Zukunft der Gemeinden kommt dem Erziehungswesen zu. Schätzungen zufolge lernen rund 20.000 bis 30.000 jüdische Kinder und Jugendliche in der einen oder anderen Form an jüdischen Schulen und anderen Erziehungseinrichtungen. Aus ihren Reihen werden sich viele jüdische Aktivisten und Führungspersönlichkeiten der nächsten Generation rekrutieren. Springen ABC-Schützen jüdischer Schulen unter dem Anprall der Krise ab, ist ihre Rückkehr in einen jüdischen Bildungsrahmen keineswegs garantiert.
Nicht weniger tangiert sind die sozial Schwachen: die Armen, die Kranken und die Alten. Sie werden von der Krise in ihrem Existenzminimum getroffen. Die sinkende Kaufkraft der staatlichen Altersversorgung führt zu Lücken in der Nahrungsmittelversorgung. Die sich gerade herausbildende Mittelschicht büßt an Dynamik ein. In einigen Ländern reichen die Währungsreserven nicht einmal für eine angemessene Versorgung der Bevölkerung mit importierten Medikamenten. Bei Juden kommt in der Regel die geringe Familiengröße – in Notzeiten sind Verwandte oft ein Anker – erschwerend hinzu. Unter diesen Umständen wäre mehr Hilfe aus dem Westen erforderlich. Das aber ist nicht in Sicht. Eher im Gegenteil. „Im Jahre 2009 konnten wir die Höhe unseres Wohlfahrtsetats für die ehemalige Sowjetunion gerade noch halten“, berichtet Ostrin. Das war nicht zuletzt dank persönlicher Spenden von Direktoriumsmitgliedern der altehrwürdigen Organisation möglich. Für das Jahr 2010 scheinen Etatkürzungen jedoch unvermeidlich. Dabei kann das Joint jetzt schon die Not mittelloser Glaubensgenossen nur zum Teil lindern. Den 160.000 Menschen, die im Jahre 2009 Hilfeleistungen der Organisation erhalten, steht eine mindestens genauso große Zahle von Bedürftigen, die das Joint nicht erreichen kann.
Eine ökonomisch bedingte jüdische Auswanderungswelle wird jedoch nicht erwartet. Ältere Menschen, so die allgemeine Erfahrung, neigen selbst in der Not nur in geringem Maße dazu, neues Glück in einem neuen Land zu suchen. Jüngeren wiederum bietet der von der Krise befallene Westen gegenwärtig relativ wenig Berufs- und Geschäftschancen. Die Auswanderung nach Israel hält sich in Grenzen. So werden die Juden der GUS-Staaten ihre Probleme vor Ort lösen müssen.
wst