9. Jahrgang Nr. 8 / 28. August 2009 - 8. Elul 5769

„Wir sind eine Schicksalsgemeinschaft“

Interview mit dem israelischen Diasporaminister Juli Edelstein

Herr Minister, welche Bedeutung hat das Diaspora-Judentum für den Staat Israel?
Juli Edelstein: Zwischen Israel und der Diaspora besteht eine Schicksalsgemeinschaft und eine gegenseitige Abhängigkeit. Natürlich will ich als Zionist, dass Israel nicht nur die größte jüdische Gemeinschaft der Welt bildet – das ist jetzt schon der Fall -, sondern dass die meisten Juden der Welt in Israel leben und dass Israel den Mittelpunkt des jüdischen Lebens bildet. Allerdings bedeutet das keine Verneinung der Diaspora. Ich denke, dass sich diese Haltung überlebt hat. Wir müssen zusammenarbeiten und einander helfen.

Was erwartet Israel von der Diaspora auf politischer Ebene?
Israel braucht Freunde und Botschafter guten Willens, und wir glauben, dass Juden in der Diaspora diese Rolle in besonderem Maße spielen können. Dabei geht es nicht darum, die eine oder andere politische Ideologie durchzusetzen, sondern um die Unterstützung existenzieller Anliegen Israels. Unser Ziel ist auch nicht, auf die Politik anderer Regierungen über den so genannten jüdischen Einfluss einzuwirken. Das ist ein antisemitisches Stereotyp.

Wie ernst nimmt Israel die Pflege der Beziehungen zur Diaspora wirklich? Minister für Diasporaangelegenheiten gab es ja bereits, aber sie haben nicht allzu viel bewirkt.
Es waren stets Einzelkämpfer, Minister ohne Geschäftsbereich, denen die Kontakte zur Diaspora anvertraut wurden. Jetzt haben wir ein für diesen Zweck eingerichtetes Ministerium. Der Jahresetat meines Ressorts für das Jahr 2009 liegt bei 25 Millionen Schekel (rund 4,6 Millionen Euro – die Redaktion). Das ist das Zehnfache des Betrages, der im letzten Jahr für Diaspora-Angelegenheiten budgetiert wurde. Für 2010 sind 30 Millionen Schekel geplant. Insofern liegt durchaus eine Wende zum Besseren vor.

Sie sind aber nicht nur für die Diaspora, sondern auch für Information zuständig. Wie verteilt sich der Etat Ihres Hauses zwischen diesen beiden Aufgaben?
Das kann man nicht immer abgrenzen. Eines unserer Ziele ist es, jüdische Organisationen und Einrichtungen mit Informationen zu versorgen, die ihrer eigenen Arbeit zugute kommt. Schließlich werden Juden in der Diaspora oft mit vermeintlich „nur“ antiisraelischen Argumenten angegriffen. In jedem Fall stehen jetzt für Diaspora-Fragen Haushaltsmittel einer anderen Größenordnung zur Verfügung.

Und wie wollen Sie sie verwenden?
Ein wichtiges Projekt ist die Schaffung einer Datenbank mit Angaben über alle wichtigen jüdischen Einrichtungen in der Diaspora. Es soll aber keine bloße Ansammlung von Adressen, sondern ein interaktives Instrument für Kommunikation und Dialog mit der Diaspora sein. Es werden auch viele andere Ideen geprüft. Damit die Vorschläge auch Hand und Fuß haben, arbeiten wir sie mit Expertenhilfe für verschiedene Regionen und Länder aus. Den Ergebnissen möchte ich nicht vorgreifen.

Wie wollen Sie Ihr Verhältnis zur jüdischen Gemeinschaft in Deutschland gestalten? Fast neun von zehn Mitgliedern der jüdischen Gemeinden in der Bundesrepublik stammen aus der Ex-UdSSR. Ist das für Sie nicht so etwas wie ein Heimspiel?
Gewiss ist der Kontakt zu russischsprachigen Juden für mich wegen der gemeinsamen Sprache und des gemeinsamen Hintergrunds etwas leichter. Das bedeutet aber nicht, dass wir uns nur auf diese Gruppe konzentrieren, geschweige denn dass wir am jüdischen Establishment vorbeiarbeiten wollen. Enge Kooperation mit repräsentativen jüdischen Organisationen, in diesem Fall dem Zentralrat der Juden in Deutschland, ist unerlässlich. Überhaupt müssen alle, die im Bereich der Beziehungen zwischen Israel und der Diaspora tätig sind - das gilt für Diasporaorganisationen ebenso wie für das israelische Außenministerium, Nativ oder die Jewish Agency – zusammenarbeiten, um die gemeinsamen Ziele zu erreichen. Dafür setze ich mich konsequent ein.

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JULI (JOEL) EDELSTEIN

wurde im Jahre 1958 in Czernowitz (damals UdSSR) geboren. Wegen seines Einsatzes für die Emigrationsfreiheit sowjetischer Juden wurde der Kulturaktivist und Hebräischlehrer im Jahre 1984 verhaftet und saß dreieinhalb Jahre in sowjetischen Arbeitslagern ein. 1987 durfte er nach Israel auswandern. Seit 1996 ist er Mitglied der Knesset, zuerst für die Immigrantenpartei Israel ba-Alija und seit 2003 für den Likud. In den Jahren 1996 bis 1999 diente er als Minister für die Eingliederung von Einwanderern. Seit März dieses Jahres hat er das Amt des Informations- und Dias­poraministers inne.