5. Jahrgang Nr. 3 / 24. März 2005 - 13. Adar II 5765

Steingewordene Geschichte

Auf dem "Berg des Gedenkens" in Jerusalem hat die Gedenkstätte Yad Vashem ein neues Holocaust-Museum eröffnet

Von Ulf Meyer

Den "Har Hasikaron" (Berg des Gedenkens) in Jerusalem durchbohrt plötzlich ein überwiegend unterirdisches Prisma, dessen beide Enden aus dem Hügel heraus ragen. Sie sind Ein- und Ausgang eines neuen Museums. Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, die 1953 in Jerusalem eröffnet wurde, ist nach zehn Jahren Planungs- und Bauzeit um ein 56 Millionen US-Dollar teures Museum erweitert worden, das am 15. März offiziell eröffnet wurde.
Der in Haifa geborene, amerikanische Architekt Moshe Safdie, der Architekturbüros in Boston, Toronto und Jerusalem unterhält, hat den ungewöhnlichen Neubau entworfen. Safdie baut nicht nur seit über dreißig Jahren (auch) für jüdische Institutionen weltweit, er hat auch bereits zweimal für Yad Vashem gebaut: Auf sein Konto gehen das Kindermahnmal (1976-87) und das Transport Memorial (1994).

Safdie hat das im Querschnitt dreieckig anmutende Museum unterirdisch angelegt und durch ein 175 Meter langes Oberlicht natürlich beleuchtet, damit der Charakter des Gedenk-Hügels erhalten bleibt.
Auf dem Gelände der Gedenkstätte Yad Vashem war zwar schon 1973 eines der ersten Holocaust-Museen der Welt eröffnet worden, es wurde jedoch in den letzten Jahren zunehmend als "altbacken und muffig" empfunden: Zu streng chronologisch und zu didaktisch war vielen Besuchern das Museum geworden, das inzwischen geschlossen worden ist. Vor allem nachdem das Holocaust Museum, das 1993 in der amerikanischen Bundeshauptstadt Washington eröffnet wurde, neue Maßstäbe für das Holocaust-Gedenken in Museen setzte: Modernste Technik und authentische Exponate anstelle von zweidimensionalen Fotos und Dokumenten sollten von nun an das Erlebnis der Besucher persönlicher und plastischer machen.
Mit dem Neubau in Jerusalem ist auch die Hoffnung verbunden, an dieses Konzept anknüpfen und so die Besucherzahlen wieder erhöhen zu können. Hatten 1999 noch mehr als zwei Millionen Interessierte Yad Vashem besucht, war diese Zahl nur drei Jahre später auf unter 570.000 gesunken und ist seitdem nur geringfügig wieder gestiegen, obwohl Yad Vashem nach wie vor ein Muss für jeden israelischen Soldaten, Schüler, Touristen und Staatsgast ist. Yad Vashem ist nicht nur das größte und beeindruckendste Areal weltweit, das dem Gedenken an den Holocaust gewidmet ist, es hat auch eine staatstragende Rolle für Israel.

Weil es immer weniger Zeitzeugen gibt, die eigene Erinnerung an die Vernichtungslager haben, sollen nachwachsenden Generationen die Lebens- und Leidensgeschichten der Holocaust-Opfer auf möglichst persönliche Art erzählt werden. Der Neubau in Jerusalem erzählt das millionenfache Schicksal am Beispiel von etwa 100 Betroffenen anhand von Tagebüchern, Fotos und Video-Aufzeichnungen.

Der Weg durch das neue Museum von Safdie folgt einer eindringlichen architektonischen Dramaturgie: Vom Eingang aus blicken Besucher durch das gesamte Gebäude bis zum Licht am Ende des Prismas mit seinen rohen Betonoberflächen. Das im Vergleich zum alten Museum auf die dreifache Größe angewachsene neue Museum hat 4500 Quadratmeter Ausstellungsfläche. Furchen im Betonboden, die für historische Einschnitte und Wendepunkte stehen, zwingen die Besucher, einen genau vorgegebenen Zickzack-Kurs durch die einzelnen Galerien zu beschreiten. Nach dem Eintritt in die dunklen Kabinette dient die dramatische Lichtwirkung des hellen Prismas der Orientierung. Der Boden fällt in der Abteilung "Auf dem Weg nach Auschwitz" ab und führt dann wieder hinauf zum Ende des Weges und einem großen Balkon mit Ausblick auf Jerusalem. Wie ein überdimensionaler Trichter rahmen zwei große seitliche Betonflügel den Balkon und den Blick auf die heilige Stadt und die Landschaft.
Die runde "Halle der Namen" hat Regale rundherum für die Unterlagen der namentlich bekannten Opfer des Judenmords, deren Dokumente in Yad Vashem gesammelt wurden. Darüber in einem Kegel hängen Namen und Fotos von fast 600 Toten. Sie blicken auf die Besucher hinab. Darunter befindet sich eine spiegelbildliche Ausgrabung bis hinunter auf den örtlichen Fels, die mit Wasser gefüllt ist, in dessen Oberfläche sich die Halle und mit ihr die Gesichter darüber spiegeln. Die Gesichter repräsentieren die bekannten und die Grube versinnbildlicht die unbekannten Toten.

Wieder auf der Erdoberfläche angekommen, führt der Weg zum neuen Museum für Holocaust-Kunst, zu einer neuen Synagoge, einer großen Galerie für Sonderausstellungen und einer Forschungsstätte, der International School for Holocaust Studies.

Das Besucherzentrum mit Café und Buchladen wurde aus Jerusalemer Stein und beigem Granit aus Indien gebaut, der beim Bau des neuen Ben-Gurion-Flughafens von Tel Aviv übriggeblieben war, den Safdie ebenfalls entworfen hat. So pragmatisch kann es auch beim Bau eines Museums von höchster nationaler Bedeutung zugehen. Übrigens: Die Stadt Jerusalem hat für die Sichtbetonoberflächen des Museums eine Ausnahmegenehmigung erteilt; alle anderen Gebäude in der Stadt müssen nämlich mit örtlichem Stein verkleidet sein.