Von Heike von Bassewitz
Mehr Transparenz, um helfen zu können: Um dieses Ziel
voranzutreiben, organisierte die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in
Deutschland (ZWST) eine Tagung mit
Angehörigen von jüdischen Menschen mit Behinderung. 70 Tagungsteilnehmer, zum
größten Teil Migranten aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, trafen sich
in der jüdischen Gemeinde Frankfurt, um ihre Sorgen und Ängste auszutauschen,
sich zu informieren und Initiativen in den Gemeinden anzustoßen.
Im Zentrum der Tagung standen Workshops, in denen der
Grundstein für eine Selbstorganisation der Angehörigen in den Gemeinden gelegt
wurde. Den Teilnehmern formulierten zunächst eine ganze Reihe von Problemen,
mit denen sie in den Gemeinden konfrontiert werden: Mangelnde Strukturen,
fehlende Anlaufstellen, kaum Information und Vernetzung, Isolation der
Betroffenen und die Sorge der zumeist älteren Teilnehmer „Was wird mit meinem
Kind, wenn ich zu alt bin?“ Probleme also, die sich besonders den jüdischen
Migranten stellen, die durch ein politisches System geprägt sind, in dem
Selbsthilfe und Eigeninitiative nicht gefragt waren. Sie mussten sich in der Bundesrepublik
eine neue Existenz aufbauen und gleichzeitig nach Möglichkeiten für behinderte
Familienangehörige suchen. Vor diesem Hintergrund waren die Ideen und die
Bereitschaft der Teilnehmer, etwas neues aufzubauen, vorbildlich. Es wurde
vorgeschlagen, eine Website zu starten, um Informationen und Kontakte
auszutauschen, ein Verein oder Initiativen zu gründen oder bereits vorhandene
jüdische oder nicht-jüdische Infrastrukturen zu nutzen.
Hilfreich waren die Beispiele gelungener Selbstorganisation:
Dr. Michael Bader, Gründer und Vorsitzender des Down-Syndrom-Netzwerkes in
Deutschland und Mitorganisator der Tagung, skizzierte die Gründung des
Netzwerkes durch das Engagement von Eltern und Angehörigen. Frau
Müller-Erichsen, (Vizepräsidentin der Bundesvereinigung der Lebenshilfe für
Menschen mit geistiger Behinderung), beschrieb den Aufbau der Lebenshilfe in
Giessen nach dem Krieg, wo sich Eltern behinderter Kinder zusammenfanden – ein
Modell für ganz Hessen heute. Sehr bereichernd und mutmachend war der Beitrag
der Vertreter des jüdischen Vereins für Behinderte „Beth Chana“ aus der
Schweiz. Leslie Hertig (Heimleiter) und Ornah Rosenstein (Vorstandsmitglied)
schilderten anschaulich, wie aus einer kleinen privaten Gruppe ein Wohnheim,
eine Beratungsstelle und die Eins-zu-Eins-Betreuung durch Freiwillige entstanden
sind.
Referenten aus unterschiedlichen Fachgebieten beteiligten sich an den Workshops. Rabbiner Steven Langnas (Jüdische Gemeinde München) skizzierte die Geschichte der jüdischen Wohlfahrtspflege, die heilpädagogische Vorbilder für die ganze Gesellschaft hervorgebracht hat. Dies hat sich vor der Naziherrschaft in einer umfangreichen und gut vernetzten jüdischen Infrastruktur für behinderte Menschen niedergeschlagen. Er verdeutlichte, wie wichtig eine integrative Gesamterziehung von behinderten Kindern ist und appellierte an die schöpferische Geduld der Lehrer, die Erziehung an der Identität des Kindes auszurichten.
Dr. Wolfgang Hasselbeck (Psychiater aus Frankfurt/M.)
bewertete in seinem Vortrag über unterschiedliche Wohnformen die Familie als
die beste Wohnform für Menschen mit Behinderung. Wenn die empfundene Belastung
allerdings zu groß wäre, sei eine alternative Wohnform besser für das Kind und
ein schlechtes Gewissen alles andere als hilfreich. Frau Professor Dr. Sabine
Stengel-Rutkowski, Humangenetikerin von der Uni München, kritisierte in ihrem
Vortrag die Orientierung an den Defekten und Mängeln des behinderten Kindes und
forderte, nach seinen Möglichkeiten zu fragen und diese zu unterstützen. Frau
Dr. Ferber, Ärztin für Neurologie und Psychiatrie, erfahren im Umgang mit
jüdischen Migranten, beantworte die Fragen der Tagungsteilnehmer.
Die Selbstorganisation als Keimzelle und die Hilfe zur
Selbsthilfe durchzog als Grundtenor das gesamte Tagungsprogramm. Viele Ideen
konnten konkretisiert werden: die Gruppen Wohnen, Beratung und Internet wurden
gegründet. Informationen gibt es beim ZWST-Sozialreferat, Tel.: 069/944 371 31.
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