5. Jahrgang Nr. 3 / 24. März 2005 - 13. Adar II 5765

Erste Selbsthilfegruppen gegründet

ZWST-Tagung mit Angehörigen von jüdischen Menschen mit Behinderung war durchschlagender Erfolg

Von Heike von Bassewitz

Mehr Transparenz, um helfen zu können: Um dieses Ziel voranzutreiben, organisierte die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) eine Tagung mit Angehörigen von jüdischen Menschen mit Behinderung. 70 Tagungsteilnehmer, zum größten Teil Migranten aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, trafen sich in der jüdischen Gemeinde Frankfurt, um ihre Sorgen und Ängste auszutauschen, sich zu informieren und Initiativen in den Gemeinden anzustoßen.

Im Zentrum der Tagung standen Workshops, in denen der Grundstein für eine Selbstorganisation der Angehörigen in den Gemeinden gelegt wurde. Den Teilnehmern formulierten zunächst eine ganze Reihe von Problemen, mit denen sie in den Gemeinden konfrontiert werden: Mangelnde Strukturen, fehlende Anlaufstellen, kaum Information und Vernetzung, Isolation der Betroffenen und die Sorge der zumeist älteren Teilnehmer „Was wird mit meinem Kind, wenn ich zu alt bin?“ Probleme also, die sich besonders den jüdischen Migranten stellen, die durch ein politisches System geprägt sind, in dem Selbsthilfe und Eigeninitiative nicht gefragt waren. Sie mussten sich in der Bundesrepublik eine neue Existenz aufbauen und gleichzeitig nach Möglichkeiten für behinderte Familienangehörige suchen. Vor diesem Hintergrund waren die Ideen und die Bereitschaft der Teilnehmer, etwas neues aufzubauen, vorbildlich. Es wurde vorgeschlagen, eine Website zu starten, um Informationen und Kontakte auszutauschen, ein Verein oder Initiativen zu gründen oder bereits vorhandene jüdische oder nicht-jüdische Infrastrukturen zu nutzen.

Hilfreich waren die Beispiele gelungener Selbstorganisation: Dr. Michael Bader, Gründer und Vorsitzender des Down-Syndrom-Netzwerkes in Deutschland und Mitorganisator der Tagung, skizzierte die Gründung des Netzwerkes durch das Engagement von Eltern und Angehörigen. Frau Müller-Erichsen, (Vizepräsidentin der Bundesvereinigung der Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung), beschrieb den Aufbau der Lebenshilfe in Giessen nach dem Krieg, wo sich Eltern behinderter Kinder zusammenfanden – ein Modell für ganz Hessen heute. Sehr bereichernd und mutmachend war der Beitrag der Vertreter des jüdischen Vereins für Behinderte „Beth Chana“ aus der Schweiz. Leslie Hertig (Heimleiter) und Ornah Rosenstein (Vorstandsmitglied) schilderten anschaulich, wie aus einer kleinen privaten Gruppe ein Wohnheim, eine Beratungsstelle und die Eins-zu-Eins-Betreuung durch Freiwillige entstanden sind.

Referenten aus unterschiedlichen Fachgebieten beteiligten sich an den Workshops. Rabbiner Steven Langnas (Jüdische Gemeinde München) skizzierte die Geschichte der jüdischen Wohlfahrtspflege, die heilpädagogische Vorbilder für die ganze Gesellschaft hervorgebracht hat. Dies hat sich vor der Naziherrschaft in einer umfangreichen und gut vernetzten jüdischen Infrastruktur für behinderte Menschen niedergeschlagen. Er verdeutlichte, wie wichtig eine integrative Gesamterziehung von behinderten Kindern ist und appellierte an die schöpferische Geduld der Lehrer, die Erziehung an der Identität des Kindes auszurichten.

Dr. Wolfgang Hasselbeck (Psychiater aus Frankfurt/M.) bewertete in seinem Vortrag über unterschiedliche Wohnformen die Familie als die beste Wohnform für Menschen mit Behinderung. Wenn die empfundene Belastung allerdings zu groß wäre, sei eine alternative Wohnform besser für das Kind und ein schlechtes Gewissen alles andere als hilfreich. Frau Professor Dr. Sabine Stengel-Rutkowski, Humangenetikerin von der Uni München, kritisierte in ihrem Vortrag die Orientierung an den Defekten und Mängeln des behinderten Kindes und forderte, nach seinen Möglichkeiten zu fragen und diese zu unterstützen. Frau Dr. Ferber, Ärztin für Neurologie und Psychiatrie, erfahren im Umgang mit jüdischen Migranten, beantworte die Fragen der Tagungsteilnehmer.

Die Selbstorganisation als Keimzelle und die Hilfe zur Selbsthilfe durchzog als Grundtenor das gesamte Tagungsprogramm. Viele Ideen konnten konkretisiert werden: die Gruppen Wohnen, Beratung und Internet wurden gegründet. Informationen gibt es beim ZWST-Sozialreferat, Tel.: 069/944 371 31.