9. Jahrgang Nr. 7 / 24. Juli 2009 – 3. Aw 5769

Vergessene Rekorde

Ausstellung im Berliner Centrum Judaicum erzählt vom Schicksal jüdischer Leichtathletinnen zwischen 1920 und 1938

Von Ulf Meyer

Während in Berlin vom 15. bis 23. August die 12. Leichtathletik-Weltmeisterschaft stattfindet, widmet sich im Centrum Judaicum eine Ausstellung mit dem Titel „Vergessene Rekorde – Jüdische Leichtathletinnen“ dem Schicksal jüdischer Sportlerinnen im Deutschland der 20er und 30er Jahre. Von der Universität Potsdam zusammengestellt, dokumentiert die Schau die Geschichte von Lilli Henoch, Gretel Bergmann und Martha Jacob. Sie stehen exemplarisch für die allgemeine Sportbegeisterung in der Weimarer Republik (in dieser Zeit verzehnfachte sich die Mitgliedschaft in Sportvereinen auf über vier Millionen), die Emanzipation der Frauen im Leistungssport (in der Leichtathletik sind Frauen erstmals 1928 an Olympischen Spielen beteiligt) und das Schicksal jüdischer Leistungssportler in der NS-Zeit.
Die drei Leichtathletinnen waren zunächst - wie die Mehrheit der jüdischen Sportler damals - integraler Bestandteil des deutschen Sports. Erst nachdem die aktiven Sportlerinnen aus ihren Vereinen ausgeschlossen wurden, traten sie der dezidiert jüdischen Sportbewegung bei. Jüdische Vereine orientierten sich entweder zionistisch, deutschpatriotisch oder blieben neutral. In Wettkämpfen mit nichtjüdischen Sportlern versuchten viele jüdische Athleten, antisemitische Vorurteile über die angebliche körperliche Minderwertigkeit von Juden zu widerlegen.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten und dem dramatisch zunehmenden Antisemitismus veränderte sich das Leben der aktiven jüdischen Sportler drastisch. Viele Sportverbände begannen, sich gleichzuschalten, führten Wehrsport und Führerprinzip ein. Die Deutsche Turnerschaft beschloss eine „Vollarisierung“ und schloss alle jüdischen Mitglieder aus. Dadurch verdoppelten die jüdischen Sportverbände „Makkabi“ und „Schild“ ihre Mitgliederzahl.
Die Ausstellung erinnert an die systematische Ausgrenzung und spätere Zerschlagung des jüdischen Sportlebens in Deutschland. Viele Städte begannen, Juden den Zutritt zu den städtischen Badeanstalten zu verbieten oder Sportstätten nur noch an Sportvereine mit Arierparagrafen zu vergeben. Als die mehrfache österreichische Meisterin im Freistilschwimmen, Ruth Langer, von Hakoah-Wien deshalb nicht in Berlin starten darf, wird sie vom österreichischen Schwimmverband auf Lebenszeit gesperrt und alle Titel und Rekorde werden ihr aberkannt.
Die Olympischen Spiele in Berlin 1936 waren Höhepunkt und Abschluss der friedlichen Selbstdarstellung des NS-Regimes. Von nun an verschärften die Nationalsozialisten die Judenverfolgung in allen gesellschaftlichen Bereichen massiv – auch im Sport: Allein der traditionsreiche jüdische Turnverein Bar Kochba-Hakoah Berlin verlor 1936 mehr als 900 Mitglieder durch Auswanderung. Auch die Zahl der Makkabi-Vereine schrumpfte. Viele Vereine wurden durch die Emigration aktionsunfähig. 1938 war das Ende des jüdischen Sports in Deutschland gekommen. Führungskräfte wurden verhaftet, Zeitungen, Verbände und Vereine aufgelöst und verboten.
Lilli Henoch war mit zehn deutschen Meistertiteln und fünf Weltrekorden eine der erfolgreichsten deutschen Leichtathletin der 20er Jahre. Dennoch strich der Berliner Sport-Club sie als Jüdin von seiner Mitgliederliste. Noch trauriger ist die Geschichte von Gretel Bergmann: Der Ausschluss der deutschen Juden aus den „allgemeinen“ Sportvereinen löste vor den Olympischen Spielen 1936 weltweit Proteste aus und manche Länder drohten mit einem Boykott der Spiele. Die Organisatoren reagierten mit dem Versprechen, die deutschen Juden gleich zu behandeln und nominierten auch die im Ausland lebende „volljüdische“ Bergmann für das deutsche Olympiateam. Obwohl die IOC-Führung wußte, dass Hitler den Start von Juden in der deutschen Mannschaft abgelehnt hätte, ließ sie sich beschwichtigen. Mit der scheinbaren Integration einer „Volljüdin“ in den deutschen Leichtahtlethik-Kader wollte die NS-Führung den Boykott der Spiele verhindern. Als „Alibijüdin“ kehrte sie zur Olympiavorbereitung nach Deutschland zurück. Schließlich wurde ihr dennoch der Start verweigert: Einen Tag nachdem das US-Team in See gestochen ist, wird Bergmann aus der Mannschaft ausgeschlossen. Das IOC schweigt den Skandal tot.
Die Ausstellung erinnert an heute weitgehend „vergessene Rekorde“ aus der Blütezeit des jüdischen Sports in Deutschland und zeigt zugleich die Zerschlagung jüdischen Lebens im Sport während des NS-Regimes.

„Vergessene Rekorde“, bis 23. August 2009, So–Do 10–17.30 Uhr, Fr 10–13.30 Uhr im Centrum Judaicum, Oranienburger Straße 28-30, Berlin, bis 23. August