9. Jahrgang Nr. 7 / 24. Juli 2009 – 3. Aw 5769

Chancengleichheit

Die Bundesregierung will die Anerkennung von Hochschulabschlüssen für jüdische Zuwanderer erleichtern

Von Katrin Richter

Olga Dodina ist Kosmetikerin in Düsseldorf. Sie liebt ihren Beruf. Er ist abwechslungsreich und hat mit Menschen zu tun. Dass sie erst seit wenigen Jahren Gesichtsmasken aufträgt und Augenbrauen zupft, das merken Dodinas Kunden nicht. Denn die 45-Jährige ist eigentlich Kinderärztin. Sie hat in Moskau studiert und wollte, als sie 2000 nach Deutschland kam, in ihrem Beruf weiter arbeiten. Eigentlich. »Das gestaltete sich nicht so einfach, denn mein Abschluss von der Universität wurde hier nicht anerkannt«, sagt Dodina.
Dass Ärzte, Ingenieure oder Lehrer, die ihren Hochschulabschluss in der damaligen Sowjetunion oder einem ihrer Nachfolgestaaten gemacht haben, heute als Altenpfleger, Köche oder Krankenschwestern arbeiten, ist keine Seltenheit. Denn die jüdischen Zuwanderer haben keinen Rechtsanspruch auf Bestätigung ihrer Qualifikation. Das soll in der nächsten Legislaturperiode anders werden. Maria Böhmer (CDU), Migrationsbeauftragte der Bundesregierung, und das Wirtschaftsministerium haben gemeinsam mit dem Bildungs- und dem Innenministerium einen Entwurf mit Eckpunkten veröffentlicht, der den »Anerkennungs-Dschungel«, wie Maria Böhmer die momentane Situation bezeichnet, lichten soll. Ziel der Eckpunkte ist es, »für alle Berufs- und Zuwanderergruppen ein Recht auf ein Anerkennungsverfahren gesetzlich festzuhalten «, sagt ein Sprecher von Böhmer.
Bislang unterscheidet man nämlich zwischen Spätaussiedlern, die ein Anerkennungsrecht auf alle Berufe haben, EU-Bürgern, die hier bestimmte Professionen weiter ausüben können und Bürgern aus Unterzeichnerstaaten der Lissabon-Konvention, deren Hochschulabschlüsse auch hier gültig sind. Bei jüdischen Zuwanderen muss der Arbeitgeber im Einzelfall entscheiden. Die seien damit oft überfordert, betont ein Sprecher des Bildungministeriums.
Paulette Weber, Leiterin des Sozialreferats der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST), sagt: »Die Erfahrung zeigt, dass technische Berufe in der Vergangenheit bevorzugt anerkannt wurden.« Dies gelte in der Regel aber nicht für medizinische, pädagogische, wirtschaftswissenschaftliche und geisteswissenschaftliche Berufsabschlüsse. Wie im Fall von Olga Dodina. »Ich hatte mich für verschiedene Kurse beworben, an deren Ende ich dann eine Prüfung hätte machen müssen. Aber ich wurde ohne Erklärung abgelehnt«, sagt die Kinderärztin.
Das Bildungsministerium beschreibt diese sogenannten Externenprüfungen als einen Weg für jüdische Zuwanderer, ihren Beruf weiter ausüben zu können. Eine andere Möglichkeit ist der erneute Abschluss an einer deutschen Universität. Das wollte Olga Dodina aber nicht, denn sie hatte schon ein Medizinstudium hinter sich und praktische Erfahrung als Kinderärztin. »Was sollte ich also machen? Zu Hause herumsitzen und auf Kosten des Arbeitsamtes leben – das ist nicht meine Art.« So schulte sie zur Kosmetikerin um.
Paulette Weber von der ZWST sieht in dem Vorhaben, im Ausland erworbene Abschlüsse hierzulande anzuerkennen, ein Problem für die seit Längerem in Deutschland lebenden Zuwanderer: »Wenn die Zahlen stimmen, haben ungefähr 70 Prozent der jüdischen Zuwanderer im berufsfähigen Alter eine akademische Ausbildung. Für die meisten der Betroffenen kommt deshalb die Überlegung zu spät, da sie bereits umgeschult sind oder unqualifizierte Arbeitsplätze einnehmen.«
Für künftige Zuwanderer wäre die Situation ganz anders, sollten die Anerkennungsbedingungen geändert werden. Daher betont die Migrationsbeauftragte Böhmer: »Für alle Berufs- und Zuwanderergruppen soll es einen Anspruch auf ein entsprechendes Verfahren geben.« Wichtig sei zudem das Recht auf eine formale Teilanerkennung oder eine Potenzialanalyse. Man hätte schon viel früher vorhandene Ressourcen nutzen können, sagt Weber, die auch zu bedenken gibt, dass der Berufswechsel oft zu einem Statusverlust geführt habe.
Menschen vom Fach sind also gefragt. Maria Böhmer beschreibt den Entwurf mit den Eckpunkten so: »Wir strecken die Hand aus.« Alle Zuwanderer, die sich mit Fähigkeiten und Qualifikationen einbringen wollten, seien eine Bereicherung für das Land. »Heute hat der Endspurt begonnen. Jetzt müssen wir Tempo machen.«

Aus Jüdische Allgemeine Nr. 26 vom 25. Juni 2009