5. Jahrgang Nr. 3 / 24. März 2005 - 13. Adar II 5765

PURIM – ein Fest der Freude

Von Rabbiner Dr. Joel Berger, Stuttgart

Das Purim-Fest am 25. März führt uns zu jenen wundersamen Ereignissen zurück, die im biblischen Esther-Buch beschrieben worden sind. Die Juden des alten Persiens unter König Achaschwerosch wurden von einem hasserfüllten Minister, Haman, bedroht. Die Rettung vor der Vernichtung, die den Juden sonst im Laufe der Geschichte so selten gelang, bildet die Grundlage für dieses ausgelassene, fröhliche Fest. Es waren diesmal glückliche Umstände, die zur Rettung beitrugen.

Am Vorabend des Festes versammelt sich die Gemeinde in der Synagoge. Nach dem Abendgebet wird das Esther-Buch aus einer handgeschriebenen Pergamentrolle vorgetragen. Jedes Mal wenn der Name des Bösewichtes Haman erwähnt wird, machen die Kinder ungeheuren Radau: Sie drehen eine Ratsche und klopfen auf dem Boden, um ihre Abneigung und ihren Protest gegen Haman zum Ausdruck zu bringen. Die Festmahlzeit beginnt am Nachmittag und zieht sich in die Abendstunden hinein. Es ist übrigens die einzige Mahlzeit im jüdischen Jahr, bei der das Trinken von Wein zu den Geboten des Festes gehört. Es ist sogar überliefert, dass man an diesem Tag so viel trinken soll, bis man zwischen dem edlen Held des Esther-Buches Mordechai und dem bösen Haman nicht mehr unterscheiden kann. Die jüdischen Gepflogenheiten der Nüchternheit, Zurückhaltung und Mäßigung in Bezug auf Wein werden für einen Tag aufgehoben. Purim - das ist ein Fest der Freude, auch wenn manchmal die äußeren Umstände wenig Grund dazu liefern.

Normalerweise werden zu diesem Fest „Purimspiele” vorgeführt. In meiner Kindheit gab es noch viele Laiendarsteller, die aus diesem Anlass jiddische Texte vortrugen. Wenn man der Frage nachgeht, wie Jiddisch eigentlich entstanden ist, müssen wir weit in die Geschichte zurückgreifen.
Wann Juden überhaupt auf dem Boden des heutigen Deutschlands auftauchten, lässt sich nicht genau feststellen. Tatsache ist, dass zur Römerzeit, Juden an den Rhein und an die Donau gelangt sind. Ob sie dann, nach dem Untergang des Weströmischen Reiches, die Völkerwanderungen überstanden haben, wissen wir nicht. In der Karolingerzeit (frühes Mittelalter, ca. 700 bis 900) hört man von ihnen wieder am Rhein, an der Mosel und an der Donau.
Zu jener Zeit kann man von einem gutnachbarlichen Zusammenleben von Juden und Nichtjuden auf deutschem Boden ausgehen. Dies machte sich sowohl im gesellschaftlichen als auch im kulturellen Leben bemerkbar. Die Juden sprachen damals dasselbe deutsch, wie die anderen Bewohner des Landes. Wegen der strengen Bestimmungen des katholischen Laterankonzils aus dem Jahre 1215 veränderte sich die Situation jedoch zunehmend. Die damalige Kirche drängte auf eine vollkommene Ausgrenzung der Juden vom Alltag in den Städten und Gemeinden.

Die zunehmende Isolierung und das Leben im Ghetto führten dazu, dass die deutsche Sprache der Juden eine eigene Klangfarbe entwickelte. Die Juden bedienten sich einzelner hebräischer oder aramäischer Begriffe. Durch die immer stärker werdende Verfolgung, Unterdrückung und kulturelle Isolierung wurde die deutsche Sprache mehr und mehr aus den Ghettos verdrängt. Zugleich kamen hebräische Überlieferungen immer stärker zur Geltung. Sie beeinflussten den Klang und die Idiomen der Ghetto-Sprache und entwickelten sich im 13. und 14. Jahrhundert zum „Judendeutsch”. Im 14. Jahrhundert, nach der Pestepidemie, wurden unsere Vorfahren samt ihrer Sprache gen Osten - nach Polen und Rußland - vertrieben.

Einer der letzten weltweit anerkannten Meister dieser Sprache ist der verstorbene Literatur-Nobelpreisträger Isaac Bashevis Singer.