9. Jahrgang Nr. 6 / 26. Juni 2009 - 4. Tammus 5769

Kaddisch für KZ-Häftlinge

Jahrelang lagerten die Überreste ermordeter Juden in Schuhkartons bei der Stasi, jetzt fanden die Knochen an dem Ort, an dem sie gefunden wurden, ihre letzte Ruhe

Von Alexander Fröhlich
Es war eine bewegende Feierstunde, die Mitte Juni in einer ehemaligen Kiesgrube in der Gemeinde Schenkendöbern im Landkreis Spree-Neiße stattfand: Als der Frankfurter Rabbiner Menachem Halevi Klein das Kaddisch anstimmte, waren nicht nur die anwesenden Holocaust-Überlebenden ergriffen, einige Besucher weinten. Dann ließen der Rabbiner und Peter Fischer vom Zentralrat der Juden eine Urne mit sterblichen Überresten ermordeter KZ-Insassen ins Grab herab. Um 11.38 Uhr fanden die Gebeine ihre würdevolle letzte Ruhe auf dem frisch geweihten jüdischen Friedhof, nachdem sie jahrelang in einem Schuhkarton im Stasi-Archiv gelagert hatten. «Nach vielen Jahren der Anonymität und der Ignoranz gegenüber den jüdischen Glaubensregeln erfüllt es uns mit einer inneren Genugtuung und Erleichterung, dass die Gebeine endlich an einem jüdisch geweihten Ort liegen», so Fischer. An das Grauen und den Schrecken erinnern heute drei Gedenktafeln und eine Grabstelle.
Bei den Knochen handelt es sich um die sterblichen Überreste von jüdischen KZ-Häftlingen, die bei der Auflösung des KZ-Außenlagers in Jamlitz Anfang Februar 1945 von der SS ermordet worden waren. Insgesamt kamen bei dem Massaker, das von Reichsführer Heinrich Himmler befohlen worden war, 1342 kranke und gehunfähige Häftlinge ums Leben, die meisten waren Juden aus Ungarn und Polen. Im Mai 1971 entdeckte man das Massengrab in Schenkendöbern, die Stasi entnahm einzelne Knochen als Beweismittel – laut Peter Fischer steckten in manchen noch die Projektile der SS-Waffen.
Die übrigen Gebeine der 577 dort gefundenen Opfer wurden im Krematorium Forst verbrannt, ein Teil der Asche wurde – laut Akten – in Lieberose bestattet, wo die DDR 1973 eine KZ-Gedenkstätte einrichtete. Der Verbleib der übrigen Asche ist unklar, auch verschwiegen die DDR-Oberen, dass das Lager Lieberose in Jamlitz nach dem Krieg als sowjetisches Speziallager genutzt worden war, wo binnen zwei Jahren mehr als 3400 Menschen zu Tode kamen.
Die Gebeine seien entgegen jüdischer Riten exhumiert worden, sagt der Sprecher der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Horst Seferens. Zudem fanden Forscher der Stiftung heraus, dass noch immer sterbliche Überreste in der Kiesgrube liegen. Damit gilt der Ort nach jüdischem Glauben als Grabstätte, der Boden als heilig. Bestattet werden müssten auch damals gefundene Gebisse, die die Stasi ebenfalls aufbewahrte. Doch davon fehlt jede Spur.
Außerdem ist der Verbleib der sterblichen Überreste von 753 Opfern des Massakers unklar. Eine dreiwöchige Suchgrabung in Jamlitz endete Mitte Mai erfolglos, nachdem zuvor jahrelang mit dem Eigentümer der Fläche darüber gestritten worden war. Nun soll auf dem Nachbargrundstück weiter gegraben werden. Denn die Archäologen stießen zumindest auf Barackenreste und Inventar des früheren Außenlagers des KZ Sachsenhausen.
Wann das Nachbargrundstück abgesucht werden kann, ist offen. „Wir prüfen, ob wir einen Durchsuchungsbeschluss erwirken“, sagte Oberstaatsanwalt Wilfried Lehmann. Sollte die Brandenburger Generalstaatsanwaltschaft mit einem solchen Vorstoß scheitern, muss das Innenministerium mit dem Eigentümer des Grundstücks über die Suchaktion verhandeln. Unterstützung gibt es von vielen Seiten: Die dort angesiedelte Jamlitz-Kommission hat sich bereits für eine Untersuchung der Fläche ausgesprochen, und Minister Jörg Schönbohm (CDU) nannte dies eine „politisch-moralische und zutiefst menschliche Verpflichtung“.