9. Jahrgang Nr. 6 / 26. Juni 2009 - 4. Tammus 5769

„Ich gebe immer alles“

Rabbiner, Lehrer und Sänger: Sachsens Landesrabbiner Salomon Almekias-Siegl ist ein Multitalent – ein Portrait

„Ein Rabbiner, der kein Lehrer ist, kann kein Rabbiner sein“, sagt Salomon Almekias-Siegl. Und wie man ein guter Lehrer ist, das konnte Sachsens Landesrabbiner lange Zeit üben. Als er sich per Fernstudium zum Rabbiner ausbilden ließ, hatte er bereits viele Jahre als Religionslehrer in Deutschland und England gearbeitet.
Als Landesrabbiner in Sachsen kann er auf diese Erfahrungen immer wieder zurückgreifen. Muss er sogar. Denn etwa 95 Prozent aller Juden in Sachsen sind russischstämmig – deutlich mehr als in den westdeutschen Gemeinden. „Sie haben keine Erfahrungen mit der jüdischen Religion. Ich muss Ihnen die Grundlagen des Judentums beibringen“, sagt der 63-Jährige. Deswegen nehme er sich immer wieder Zeit, um seine Gemeindemitglieder in jüdischer Tradition zu unterrichten – auch die älteren Juden in seiner Gemeinde. Wichtig ist ihm vor allem, dass seine Gemeindemitglieder den Sinn jüdischer Feiertage und Gesetze verstehen. „Ohne die Juden aus dem Osten wären unsere Gemeinden ausgestorben. Praktisch wie Museen“, sagt der Landesrabbiner.
Seine erste Stelle als Rabbiner könnte unterschiedlicher zu seiner jetzigen kaum sein. Bevor er 1998 nach Sachsen kam, arbeitete Almekias-Siegl drei Jahre lang in den USA als Rabbiner in New Jersey. „Die Gemeindemitglieder wuchsen dort mit dem Judentum auf und waren mit der Tradition vertrauter“, sagt Almekias-Siegl. Auch die finanzielle Situation der Gemeinde war deutlich besser. Viele der russisch-stämmigen Juden in Sachsen sind Hartz-4-Empfänger. Seine Gemeinden in Leipzig, Dresden und Chemnitz sind entsprechend arm und müssen sich einen Rabbiner teilen. Für Almekias-Siegl bedeutet das ziemlich viel Stress. Doch der Rabbiner nimmt die Herausforderung gerne an: „Ich habe mein ganzes Leben lang viel gearbeitet und habe immer versucht, alles zu geben.“
Geboren wurde Almekias-Siegl 1946 in Marokko, wanderte aber bereits 1950 mit seine Familie nach Israel aus, wo er später eine pädagogische Hochschule besuchte. Sein Studium führte ihn nach England und Deutschland, wo er Religionswissenschaften studierte und später als Lehrer arbeitete. Neben seiner Lehrtätigkeit ließ er sich dann per Fernstudium in Jerusalem zum Rabbiner ausbilden. Auch als fertiger Rabbiner war sein Wissensdurst noch nicht gestillt und so promovierte er auf dem Gebiet des Chassidismus.
Doch Almekias-Siegl ist nicht nur ausgebildeter Lehrer und Rabbiner, sondern auch noch Sänger. Zwei Jahre lang absolvierte er in England eine Ausbildung zum Chasan. Schon in seiner Jugend hatte er von einer Karriere als Sänger geträumt. „Doch ich wollte Sicherheit haben. Wenn meine Ohren nicht mehr funktionieren sollten, wollte ich noch eine Alternative haben.“ So wurde er dann eben doch erst einmal Lehrer. In seinen Gottesdiensten lässt er allerdings so viel Musik wie möglich einfließen. „Vor allem in Dresden und Chemnitz. In Leipzig ist die Gemeinde etwas traditioneller, die wollen das nicht so.“ Musik spielt auch in seiner Familie eine Rolle: Seine Frau ist Musiktherapeutin und arbeitet mit behinderten Kindern. Sie ist Leiterin des Chors der Synagoge Herbartstraße in Berlin.
Die vier Kinder des Landesrabbiners sind in der ganzen Welt verstreut: Ein Sohn und eine Tochter studieren derzeit in Israel, eine Tochter geht in Berlin zur Schule und die Älteste ist Maskenbildnerin in Hollywood. Almekias-Siegl wünscht sich, dass alle seine Kinder einmal nach Israel ziehen werden. „Denn nur dort kann man ein richtig jüdisches Leben führen“, sagt er. Auch er denkt darüber nach, irgendwann einmal nach Israel zurückzukehren. Doch das wird sicherlich noch eine Weile dauern. Sachsen wird seinen Landesrabbiner nicht so schnell verlieren: „Wir Rabbiner arbeiten sehr lange und gehen erst sehr spät in Rente.“
Frederic Spohr