9. Jahrgang Nr. 5 / 22. Mai 2009 - 28. Ijar 5769

Wo die Brüder Grimm und Paul Hindemith Zuhause waren

Jüdische Gemeinde Hanau blickt auf eine bedeutende Geschichte zurück – 170 Mitglieder setzen auf neues jüdisches Leben in der hessischen Kleinstadt

Von Irina Leytus
Was verbindet man mit der Stadt Hanau? Da wären die Nähe zu Frankfurt am Main und die hohe Dichte von Technologie- und Chemieunternehmen. Dabei blickt die hessische Stadt mit 100.000 Einwohnern auf eine fast 1000-jährige Geschichte zurück. Hier sind die Brüder Grimm geboren, hier wurde der Komponist Paul Hindemith geboren. Und auch die jüdische Geschichte Hanaus ist bereits über 400 Jahre alt. Viele große Rabbiner haben dort gewirkt, und im Jahre 1609 wurde in Hanau die hebräische Druckerei eingerichtet, die im Mittelalter ganz Europa mit religiösen Büchern versorgte. Einer der berühmtesten jüdischen Persönlichkeiten, die aus Hanau stammt, ist der Maler Moritz Daniel Oppenheim. Der 1800 Geborene hat als erster jüdischer Künstler überhaupt eine akademische Ausbildung erhalten, lernte, lebte und arbeitete später in München, Paris und schließlich in Rom. Der Jude Oppenheim war in jeder Beziehung eine Ausnahmeerscheinung, denn er bekannte sich sein ganzes Leben zu seiner jüdischen Abstammung. Auch die meisten seiner Werke sind entweder jüdischen Themen gewidmet oder zeigen jüdische Persönlichkeiten seiner Zeit.
Die Jüdische Gemeinde Hanau will schon bald ein kleines Museum über die jüdische Geschichte der Stadt eröffnen, in dem Oppenheim einen Ehrenplatz einnehmen soll. Die Vorsitzende der Gemeinde, Raja Grise, arbeitet deshalb mit verschiedenen Vereinen, die sich ebenfalls um die jüdische Geschichte Hanaus kümmern, wie etwa der städtische Geschichtsverein oder der Förderkreis „Denkmal Moritz Daniel Oppenheim“ zusammen. „Unsere Gemeinde ist erst vor vier Jahren neu entstanden. Mit dem neuen Museum wollen wir einen Bogen zur jüdischen Geschichte Hanaus schlagen und zeigen, dass wir uns hier wohlfühlen und erfolgreich integriert haben.“ So überrascht es wenig, dass die Gemeinde zu Veranstaltungen immer wieder die Öffentlichkeit einlädt. Auch die Stadt setzt auf eine fruchtbare Zusammenarbeit und bietet im Rahmen ihres Touristenprogramms als Attraktion die „Jüdische Geschichte Hanau“ an.
Ansonsten ist das Gemeindeleben der 170 Mitglieder noch eher bescheiden: Es gibt eine Gemeindebibliothek, Sprachkurse vor allem für die älteren Mitglieder werden angeboten und jeden Freitag trifft man sich zum Schabbat.
Der überwiegende Teil der 170 Gemeindemitglieder stammt aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Raja Grise kam vor acht Jahren mit ihrer Familie aus Riga nach Hanau. Auch wenn die neue Gemeinde die magische Zahl von 600 Mitliedern – so viele waren es vor dem Krieg – heute noch nicht erreicht hat, hat sie längst einen festen und würdigen Platz im Leben der Stadt.