9. Jahrgang Nr. 5 / 22. Mai 2009 - 28. Ijar 5769

Neues jüdisches Leben in alten Mauern

Nach jahrelangen Verzögerungen eröffnet Israelitische Religionsgemeinschaft Leipzig neues Gemeindezentrum

Zukunft 9. Jahrgang Nr. 5
Zukunft 9. Jahrgang Nr. 5

Am 15. Mai war es endlich soweit: Mit einer Feierstunde wurde das neue Gemeindezentrum in Leipzig eröffnet. Der Gemeindevorsitzende Küf Kaufmann wünscht sich, dass sich im Zentrum künftig Juden, Nicht-Juden und Menschen unterschiedlicher Herkunft ohne Vorurteile begegnen. Mit Blick auf die achtjährige Entstehungsgeschichte des Projektes scherzt Kaufmann: „Die Schwangerschaft war schwer, die Geburt war eine ,Elefanten-Geburt’. Das Kind ist aber wohl auf!“ Gleichzeitig kündigte er an, dass das Begegnungszentrum zu einem Veranstaltungsort wird, an dem Menschen unabhängig von Herkunft, Religion oder sozialem Status zusammenkommen, um sich gegenseitig kennenzulernen.

Zahlreiche Gäste und politische Prominenz, unter ihnen auch Zentralratspräsidentin Charlotte Knobloch und der Leipziger Oberbürgermeister, Burkhard Jung, nahmen an der offiziellen Eröffnung teil. Die Präsidentin sagte in ihrem Grußwort, dass die Eröffnung des Hauses ein Symbol des Überlebens sei und ein Tag, an dem das Leben triumphiere.

Das neue Gemeindezentrum besteht aus zwei Altbauten mitten im Leipziger Waldstraßenviertel, in dem vor dem Krieg fünf der 17 Leipziger Synagogen waren. Sie sind durch einen flachen abgesenkten Neubau verbunden und dadurch zu einer architektonischen Einheit unauffällig „zusammengewachsen“. Außerdem sind die Häuser über einen grünen Innenhof miteinander verbunden – ein idealer Platz beispielsweise für Sukkot-Feiern. Im Neubau ist der große Versammlungsraum untergebracht, im Altbau liegen die koscheren Küchen.

Der Altbau-Komplex an der Hinrichsenstraße 14, das ehemalige jüdische Altersheim „Ariowitsch-Haus“, hat eine wechselvolle Geschichte. Genannt nach dem „Sponsor“, Familie Ariowitsch, ist das Altersheim am 17. Mai 1931 - das heißt fast auf den Tag genau vor 78 Jahren – eröffnet worden. Bemerkenswert: Als die Familie 1935 Leipzig verlassen hatte, organisierte Max Ariowitsch den weiteren Aus- und Anbau des Altersheims von London aus. Im September 1942 wurden die 94 Bewohner und die Angestellten nach Theresienstadt verschleppt, vom 1. Oktober 1942 an war es Dienstgebäude der Leipziger Gestapo. Vor diesem Hintergrund wirken die aktuellen „Bedenken“ einiger Nachbarn, dass mit Einzug der jüdischen Gemeinde ins Ariowitsch-Haus der Wert der umliegenden Immobilien sinken würde, geradezu geschmacklos. Darüber hinaus hatten der jahrelange Protest der Anwohner und ihre Klagen gegen die Baugenehmigung zu erheblichen Bauverzögerungen geführt.
Vor dem Krieg lebten in Leipzig mehr als 13 000 Juden, nur 24 überlebten den Krieg. Nach Kriegsende war das Ariowitsch Haus Kommandozentrum der amerikanischen Armee, später war dort die sowjetische Militärverwaltung untergebracht. Ende 1946 bekam die Israelitische Religionsgemeinde das Gebäude zurück, konnte es aber aufgrund der wenigen Mitglieder nicht unterhalten. Das Haus wurde an die Stadt Leipzig verpachtet und von verschiedenen Trägern als Altersheim betrieben. Inzwischen hat die Leipziger Gemeinde wieder über 1200 Mitglieder und somit können „die alten Mauern wieder mit jüdischen Inhalten gefüllt werden“.
il