Am 6. und 7. Siwan findet
das Wochenfest (Schawuot) statt. Es hat – wie die beiden anderen
Wallfahrtsfeste – eine doppelte Bedeutung, eine auf die Natur bezogene und
eine historische. In der biblischen Zeit war Schawuot nur das „Fest der
Erstlinge“ und es wurden an diesem Tag im Jerusalemer Tempel zwei Weizenbrote
geopfert, die aus dem Mehl der neuen Ernte hergestellt worden waren. Auch die
Erstlinge anderer landwirtschaftlicher Produkte durften erst von Schawuot an
als Opfer dargebracht werden. An dieses mit dem bäuerlichen Leben verknüpfte
Fest der Erstlinge erinnert noch heute der Brauch, zu Schawuot die Synagogen
mit frischem Grün und mit Blumen auszuschmücken.
Von weit größerer Bedeutung
ist der religiös-historische Inhalt des Wochenfestes geworden. Nach der
talmudischen Überlieferung ist Schawuot die Zeit der Verkündung der zehn Gebote
am Berg Sinai, des ersten umfassend formulierten Sittengesetzes in der
Geschichte der Menschheit, das sich auf eine als ewig gesetzte Norm gründet.
Auf der Anerkennung dieser Gebote durch die Israeliten beruht der Bund zwischen
Gott und dem Volke, das von Gott erwählt wurde, einen besonderen Auftrag zu
erfüllen: die göttlichen Gebote zu befolgen und sie in der Welt zu verbreiten.
Die Erwählung Israels, die Vorstellung von der besonderen Rolle der Juden
besteht in der Erfüllung dieser speziellen Aufgabe, als ein heiliges, Gott
verpflichtetes Volk zu leben, stellt also eine besondere Verpflichtung dar. In
diesem Sinne ist die Formulierung „auserwähltes Volk“ zu verstehen, nicht aber
bedeutet sie ein Vorrecht der Juden gegenüber anderen Menschen.