9.Jahrgang Nr. 4 / 24. April 2009 - 30. Nissan 5769

Wände wie Bäume

KZ-Gedenkstätte Dachau bekommt neues Besucherzentrum – Eröffnung Ende April

Mehr als 800.000 Gäste aus aller Welt besichtigen jährlich das ehemalige Konzentrationslager Dachau. Mehr als die Hälfte von ihnen kommt ohne Führung, als Individualbesucher. Um den Besuchern künftig besseren Service bieten zu können, wird am 30. April ein neues Besucherzentrum für die KZ-Gedenkstätte eröffnet.
Es liegt direkt neben dem Eingang und wurde von dem jungen Münchner Büro Florian Nagler Architekten entworfen. Dessen gestalterisches Konzept, das sich in einem Architekturwettbewerb durchgesetzt hatte, sieht vor, sich „zurückhaltend, in Respekt vor dem Ort harmonisch in die Umgebung einzufügen“. Um das zu erreichen, hat Nagler sogenannte „Baumwände“ entworfen, die seinen im Grundriss quadratischen, einstöckigen Flachbau umgeben. Sie bestehen aus lasierten Fichtenstämmen, von denen einige leicht gekippt sind - ihre Asymmetrie soll sich ganz bewusst von der Schachbrett-Architektur der Nazi-Bauten abheben. Die Baumwände fügen sich in den alten Baumbestand ein und umfassen zwei unterschiedlich große Höfe an der peripherie des Gebäudes.
Drei zusätzliche, kleinere, bepflanzte Innenhöfe sorgen für eine ruhige Atmosphäre mit schattigen Bänken, auf denen sich Besucher nach dem Rundgang ausruhen können. Auch die Materialwahl der Innenraumgestaltung trägt zur ruhigen Atmosphäre des sensiblen Neubaus bei: Sägerauhe Wände kontrastieren mit glatten, matt glänzenden Böden und Decken.
Vor den wenigen großen Fenstern dienen Vordächer als Sonnenschutz. Bewusst haben die Architekten darauf verzichtet, städtebaulich Bezug auf das nahe ehemalige KZ zu nehmen. Vielmehr zogen sie es vor, ihr Gebäude „ganz harmlos“ in das Gelände einzufügen. Dazu orientierten sie sich an der Geometrie der Gehwege und an den Bäumen.
Das 4,7 Millionen Euro teure Besucherzentrum liegt an der Zugangsstraße zum „Jourhaus“, die 2005 erschlossen wurde. Besucher werden künftig an Schautafeln vorbei auf einem „Weg des Erinnerns“ zum Eingang der Gedenkstätte geleitet.
Im Neubau des Besucherzentrums gibt es neben dem Informationsschalter eine Cafeteria mit hellem Mobiliar und Freifläche, einen Seminarraum für Vorträge mit bis zu 120 Personen sowie einen Buchladen. Dieser wird von der Münchnerin Rachel Salamander, die 1982 mit ihrem Laden „Literaturhandlung“ in der Fürstenstraße die erste jüdische Buchhandlung in München nach dem Krieg eröffnet hat, betrieben. Für Salamander ist der „Schrecken der jüdischen Nazi-Opfer noch präsent“. Weil immer mehr Zeitzeugen sterben, sei es an ihrer Generation, die Geschichte lebendig zu halten, findet sie. Dieselbe Aufgabe kann nun auch die Gedenkstätte Dachau mit ihrem neuen Besucherzentrum besser verfolgen.
Weitere Informationen unter: www.kz-gedenkstaette-dachau.de
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