9.Jahrgang Nr. 4 / 24. April 2009 - 30. Nissan 5769

Unsere Kinder sind unser Stolz

Weil ihre Kinder ihr Judentum leben wollten, gründete Tatjana Malafy vor sieben Jahren eine Gemeinde. Inzwischen gibt es 210 Mitglieder – Portrait der Gemeinde Rottweil-Villingen-Schwenningen

Von Irina Leytus

Was braucht eine kleine Stadt, um eine neue jüdische Gemeinde zu gründen? Richtig: eine jüdische Mutter, die sich um die jüdische Erziehung ihrer Kinder kümmert. Als Tatjana Malafy vor zwölf Jahren noch im Aufnahmelager wohnte und eine Wohnung für ihre Familie suchte, wurde sie in Rottweil fündig. Bald stellte sie fest, dass es dort für ihre zwei großen Kinder keine jüdische Schule gab und sie keine Möglichkeit hatten, ihre religiöse Erziehung, die sie an einer jüdischen Schule in Dnepropetrovsk (Ukraine) und an einer Jeschiwa in Israel begonnen hatten, fortzusetzen. Zwar gab es in Schwenningen, das etwa 20 Minuten von Rottweil entfernt liegt, eine jüdische Gemeinschaft, aber keine Jüdische Gemeinde. Für Synagogen-Besuche mussten die dortigen Juden bis nach Konstanz fahren.
Nach und nach zogen auch andere jüdische Familien nach Rottweil und ins benachbarte Villingen. In fast allen Familien wussten die Kinder mehr über das Judentum als ihre Eltern oder Großeltern. So waren es diese jüdisch geprägten Kindern, die ihre Familien dazu brachten, jüdische Feiertage gemeinsam zu feiern, koschere Lebensmittel aus München und Strassburg zu organisieren und schließlich die jüdische Gemeinde zu gründen. Ende 2002 war es dann endlich soweit: Mit tatkräftiger Unterstützung durch die Israelitische Religionsgemeinschaft Baden (Oberrat der Israeliten in Baden) und die Stadtverwaltung Rottweil wurde die Gemeinde gegründet. Darauf ist Tatjana Malafy bei aller Bescheidenheit besonders stolz, denn es ist vor allem ihr und ihrer Familie zu verdanken, dass es diese Gemeinde, die von 1938 bis 2002 nicht mehr existierte, wieder gibt. Die studierte Ingenieurin für Telekommunikation scherzt darüber, dass sie quasi wieder in ihrem alten Beruf arbeitet: Als Geschäftsführerin der Gemeinde und „Mutter für alle“ telefoniert sie eben viel…Zu ihrem Gemeinde-Alltag gehören außerdem Besuche der Senioren, Krankenhausbetreuung und Gänge zu den Ämtern. Inzwischen hat die Gemeinde 210 Mitglieder und wenn man die nicht-jüdischen Familienmitglieder, die in Rottweil nicht ausgegrenzt werden, mitzählt, „sind wir sogar 350 Mitglieder“.
„Bis heute haben die jüdische Erziehung sowie die Integration der Kinder und Jugendlichen Priorität bei der Gemeindearbeit, denn uns liegen die Kinder besonders am Herzen und auf sie sind wir besonders stolz“, bestätigen Geschäftsführerin Malafy und die Vorstandvorsitzende Shvedchenko - ebenfalls einer engagierten Mutter von Kindern, die bereits in der Ukraine eine jüdische Erziehung genossen haben - unisono. Kein Wunder also, dass es zahlreiche Kinder- und Jugendprojekte gibt: Kindertheater, die Sonntagsschule für alle Kinder über Drei oder Religionsunterricht für Jugendliche. Die engagierte Geschäftsführerin freut sich besonders darüber, dass inzwischen acht Kinder „der ersten Stunde“ studieren, obwohl sie zunächst kaum einen Chance hatten, überhaupt das Abitur zu machen. Aber auch die ehemaligen Kinder bleiben der Rottweiler Gemeinschaft treu. Bis heute organisieren Alexander Rotstein und Viktor Malafy Jahr für Jahr die Pessachfeier für die Gemeinde.
Musste die Gemeinde anfangs noch ohne eigene Räume auskommen, stellte die Stadtverwaltung der Gemeinde im September 2003 zwei Etagen des ehemaligen Fernmeldeamtes zur Verfügung. „Die Gemeinderäume sind mitten in der wunderschönen Altstadt von Rottweil!“ freut sich Tatjana Malafy und ist der Stadt dafür unendlich dankbar. Leider nur sind diese Räume inzwischen viel zu klein geworden. Doch Abhilfe scheint nicht wirklich in Sicht, obwohl man aus den Fenstern der Gemeinde direkt auf die ehemalige Synagoge, die ebenfalls im Stadtkern liegt, blicken kann. Doch die ehemalige „Schul“ wird zur Zeit als Fahrschule benutzt. Und daran wird sich wohl so schnell auch nichts ändern.