9.Jahrgang Nr. 4 / 24. April 2009 - 30. Nissan 5769

Patienten behandeln statt putzen gehen

Jüdische Zuwanderer können in Brandenburg wieder als Ärzte arbeiten. Ein Pilotprojekt macht es möglich.

Von Alexander Fröhlich

Vadim Romanov kann endlich wieder arbeiten - und zwar in seinem erlernten Beruf. 2005 kam er als jüdischer Zuwanderer aus der russischen Stadt Jekaterinenburg nach Schwerin in Mecklenburg-Vorpommern. Mit Ein-Euro-Jobs fand er sich ab, mit der Hartz-IV-Behörde schlug er sich herum, nicht mal ein Praktikum durfte er machen.
„Ich saß zu Hause und konnte nichts tun“, sagt der 51-Jährige. Ganz langsam spricht er, überlegt sich jedes Wort und übertreibt maßlos, wenn er meint: „Ich kann nicht so gut Deutsch, wissen Sie.“ Auf der Arbeit verständigt er sich zusätzlich mit Latein, eine Fachsprache für Romanov. Schließlich ist er Gynäkologe, war als solcher 20 Jahre in Russland tätig und ist es nun wieder seit wenigen Monaten im Cottbuser Thiem-Klinikum.
Möglich wurde das dank eines bundesweiten Pilotprojektes des Brandenburger Gesundheitsministeriums für jüdische Zuwanderer und Spätaussiedler aus Russland, Kasachstan, Usbekistan, der Ukraine und Turkmenistan. Bis zu 15 Jahre lebten die Menschen bereits in Deutschland, aber als Ärzte arbeiten durften sie nicht. Wie die meisten zugewanderten Akademiker lebten sie von Sozialleistungen oder hatten schlecht bezahlte Jobs. Viele kamen als Reinigungskräfte über die Runden.
Dabei haben immerhin 70 Prozent der jüdischen Zuwanderer studiert, für das Potsdamer Sozialministerium ist das ein ungenutztes Potenzial, besonders wenn es um Mediziner geht. „Ärzte sollen Patienten behandeln und nicht putzen gehen“, erklärte Brandenburgs Integrationsbeauftragte Karin Weiss - nicht von ungefähr. Der Ärztemangel wird laut Landesärztekammer immer dramatischer. Wie berichtet, steigt dadurch auch die Unzufriedenheiten der Brandenburger Patienten. Besonders problematisch sind dabei die Facharztversorgung und die Entfernung zum nächsten Arzt. Nach einer Studie der Wirtschaftsberatung Ernst & Young ist Brandenburg ins Sachen Qualität bundesweit Schlusslicht, für 58 Prozent der Befragten hat sich der Umfrage zufolge die Qualität der ärztlichen Versorgung verschlechtert.
Gesundheitsministerin Dagmar Ziegler (SPD) erklärte, in einigen Regionen gebe es viel zu wenige Hausärzte, aber auch nicht genügend Frauen- und Augenärzte. Ziegler versucht mit verschiedenen Instrumenten gegenzusteuern. Ein Baustein im Kampf gegen den Ärztemangel ist das Projekt für zugewanderte Mediziner. Zehn Monate lange wurden 21 Männer und Frauen auf die Prüfung der Ärztekammer vorbereitet, damit ihr Berufsabschluss in Deutschland als gleichwertig anerkannt wird. 17 von ihnen erhielten im Februar ihre Urkunde. Neben Vadim Romanov haben zwei weitere von ihnen bereits eine Stelle als Assistenzarzt. Und Ziegler hofft, dass die übrigen Absolventen ebenfalls in Brandenburg „kleben bleiben“.
Seit März 2008 wurden der vierfache Vater Romanov und die anderen Teilnehmer geschult. Zuerst machten sie einen Kurs in deutscher Fachsprache, dann absolvierten sie Praktika in märkischen Kliniken, schließlich wurden sie intensiv auf die Prüfungen der Ärztekammer vorbereitet. Die 150 000 Euro Kosten wurden aus dem Europäischen Sozialfonds und mit Landesmitteln finanziert. Nun will das Gesundheitsministerium ein Nachfolgeprojekt auflegen, um die Mediziner nach der Prüfung beim zweiten Berufseinstieg in Deutschland weiter zu begleiten. Der Bedarf für weitere Mediziner wird geprüft. Auch für Pädagogen und Sozialwissenschaftler ist derzeit ein ähnliches Programm angedacht.
Bundesweit sorgt Brandenburg mit der Integration ausländischer Ärzte inzwischen für Aufsehen. Auch andere Länder zeigen Interesse, und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge arbeitet Ziegler zufolge nun an einer deutschlandweiten Regelung für zugewanderte Ärzte.
Für Romanov waren die zehn Monate „Ausbildung“ eine interessante Zeit. „Ich habe meine Fachkenntnisse verbessert“, sagt er. Vorerst ist er als Assistenzarzt angestellt, steht auch schon am Operationstisch.

Aus „Der Tagesspiegel“ vom 23. Februar 2009