9.Jahrgang Nr. 4 / 24. April 2009 - 30. Nissan 5769

„Ich fühle mich nicht als Fremder“

Rabbiner Mordechai Bohrer aus Aachen wuchs in Israel in einem deutschstämmigen Elternhaus auf. Heute kommt ihm das zugute – ein Portrait

Auch wenn der Aachener Rabbiner Mordechai Bohrer erst seit etwa zweieinhalb Jahren hier lebt, ist Deutschland längst seine Heimat geworden. „Ich fühle mich hier überhaupt nicht als Fremder“, sagt der 52-Jährige. Denn eigentlich, so könnte man sagen, lebte er schon immer ein bisschen in Deutschland.
Der Rabbiner der jüdischen Gemeinde Aachen ist zwar in Petach Tikwa geboren und in Israel aufgewachsen, doch prägte ihn die deutsche Kultur während seiner ganzen Kindheit. Schließlich stammen beide Eltern aus Deutschland. Im Gegensatz zu anderen Flüchtlingen sprachen sie auch im Ausland immer Deutsch und so lernte der junge Mordechai als Kind spielerisch die Sprache. „Bei vielen meiner Schulfreunde war es verboten, Deutsch zu sprechen. Doch das war unsinnig. Schließlich ist nicht die Sprache Schuld, an dem, was geschehen ist“, sagt er. Die deutsche Kultur war in seiner Kindheit allgegenwärtig: Seine Eltern lasen deutsche Zeitungen und „es herrschte deutsche Disziplin und deutsche Ordnung“. Das gereichte dem kleinen Mordechai auch zum Nachteil. Der Vater - aus Königsberg stammend - erzog ihn nach typisch preußischer Art: „Die Worte eines Kindes hatten kaum Gewicht. Mein Vater war sehr, sehr streng.“ Er selbst erzog seine drei Kinder liberaler.
Mordechai Bohrer ist nicht der erste jüdische Geistliche in seiner Familie. Sein Großvater war der letzte Rabbiner der großen jüdischen Gemeinde in Gailingen am Bodensee, einem Ort, in dem zeitweise 50 Prozent der Bevölkerung Juden waren. Die Nazis ermordeten ihn im Konzentrationslager Dachau, die Großmutter konnte sich nach Palästina retten. „Meine Großeltern waren orthodox, aber nicht fanatisch. Und sie waren sehr beeinflusst durch die westliche Kultur.“
Diese Einstellung der Familie hat ihn sehr geprägt: Nicht nur die Religion sei wichtig, man müsse auch über den Tellerrand schauen. „Ich habe mich deswegen nicht nur für religiöse Fächer interessiert, sondern auch für ganz allgemeine wie Geschichte.“ Und auch dass er Rabbiner werden wollte, stand für ihn erst später fest. „Ich habe gelernt, um zu wissen und wollte mich nicht auf etwas Spezielles festlegen“, erzählt er. Kurze Zeit dachte er daran, Militär-Rabbiner zu werden, aber das verwarf er schnell wieder. „Ich wollte mich nicht zu lange an das Militär binden“, erzählt er. Bohrer besuchte verschiedene Jeschiwot in Israel und unterrichtete danach jüdische Religion an Schulen. Anschließend unterstützte er noch lange Zeit seinen Vater, der in Israel als Orthopäde arbeitete.
Vor zweieinhalb Jahren übernahm er seine erste Stelle als Rabbiner in Bremen - eine Rückkehr in eine Heimat, in der er nie gelebt hat. Anfang dieses Jahres wechselte er zur jüdischen Gemeinde in Aachen. Als Rabbiner nach Deutschland zu kommen, sieht er als die Erfüllung eines göttlichen Auftrages: „Ich glaube nicht an den Zufall. Es wurde uns so beschert, dass nun russischstämmige Juden nach Deutschland kommen und es weiterhin eine jüdische Kultur in Deutschland geben soll.“ Ihnen die jüdischen Traditionen zu vermitteln, sei deswegen seine wichtigste Aufgabe.
Frederic Spohr