9.Jahrgang Nr. 4 / 24. April 2009 - 30. Nissan 5769

Innenminister zieht die Bremse

Schäuble verbietet rechtsextremen Verein „Heimattreue Deutsche Jugend“ – Zentralrat begrüßt das Verbot

Von Frank Jansen

In ihren Zeltlagern schien die Hitler-Jugend wieder auferstanden zu sein. Selbst Kindern wurde schon die Verehrung für den „Führer“ eingetrichtert. Damit ist jetzt Schluss. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) hat Ende März den Neonazi-Verein „Heimattreue Deutsche Jugend - Bund zum Schutz für Umwelt, Mitwelt und Heimat (HDJ)“ verboten. Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat das Verbot des rechtsextremen Vereins „Heimattreue Deutsche Jugend“ begrüßt. Das schwäche die Jugendarbeit der Neonazis und sei ein wichtiges Signal im Kampf gegen die Feinde der Demokratie, sagte Zentralrats-Präsidentin Charlotte Knobloch.
In Berlin, Brandenburg, Sachsen und Niedersachsen durchsuchte die Polizei Räumlichkeiten von Funktionären und Anhängern der Organisation. Die Beamten beschlagnahmten Computer und andere Gegenstände, das Vermögen der HDJ wurde eingezogen. Die Polizei kam auch in die Bundeszentrale der NPD in Berlin-Köpenick. Der Berliner NPD-Chef Jörg Hähnel, nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes in der HDJ aktiv, gibt als Meldeadresse die Parteizentrale an.
Die HDJ war über die NPD hinaus mit der rechtsextremen Szene verflochten. Eltern aus dem braunen Milieu schickten ihre Kinder in die Zeltlager des Vereins und setzten sie der Indoktrination aus. So wurde im Jahr 2006 bei einem „Pfingstlager“, an dem ganze Familien teilnahmen, Hitler als „Held unserer Geschichte“ gefeiert. Die sektenartige HDJ wollte in einer braunen Parallelwelt Kinder und Jugendliche zu einer „Elite“ heranzüchten. Sie sollte am Tag X der ersehnten Machtübernahme das Führungspersonal des Vierten Reiches stellen.
Bei Veranstaltungen der HDJ erschienen Nachwuchs und Einpeitscher in Uniform, die Grußformel lautete „Heil Dir“ oder „Heil Euch“. Es wurden NS-Kampflieder gesungen und Gesichter von Kindern mit Hakenkreuzen bemalt. In einem Camp war ein Zelt als „Führerbunker“ gekennzeichnet. Zum Drill gehörte Wehrsport. „Es ist jeweils die Methode die Beste, die unsere jungen Mitstreiter zu fanatischen nationalsozialistischen Freiheitskämpfern erzieht“, stand in einer HDJ-internen Anweisung.
Der Verein ging 1990 aus dem „Bund Heimattreuer Jugend“ hervor und nennt sich seit 2001 HDJ - schon das Kürzel erinnert an die Hitler-Jugend. Die Zahl der Mitglieder lag bei etwa 400. Großen Einfluss hatten Funktionäre der 1994 verbotenen Wiking Jugend. Der „Bundesführer“ der HDJ, Sebastian Räbiger, war einst „Gau-Beauftragter“ der Wiking Jugend für Sachsen. Die Sicherheitsbehörden hatten lange geprüft, ob die HDJ als Nachfolgeorganisation der Wiking Jugend verboten werden könnte. Das Bundesinnenministerium entschied jedoch, das Bekenntnis der HDJ zum „historischen Nationalsozialismus“ und die „gegen elementare Verfassungsgrundsätze“ gerichtete „aktiv-kämpferische, aggressive Grundhaltung“ genügten völlig. Reichlich Material hatten die Sicherheitsbehörden im Oktober 2008 bei einer bundesweiten Razzia eingesammelt. Mit ihr wurde das Verbot vorbereitet, das SPD, Grüne, Linkspartei und auch Christdemokraten forderten. Mitglieder der HDJ haben aber offenbar schon vorgesorgt. Es gebe Hinweise, sagen Sicherheitsexperten, dass die Jugendorganisation der NPD, die „Jungen Nationaldemokraten (JN)“, als Auffangbecken genutzt werden soll.

Aus Der Tagesspiegel vom 31.3.2009