9.Jahrgang Nr. 4 / 24. April 2009 - 30. Nissan 5769

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Warum die jüdischen Gemeinden in Deutschland die zweite Generation der Zuwanderer für sich gewinnen müssen

Zukunft 9.Jahrgang Nr. 4
Zukunft 9.Jahrgang Nr. 4

Fragen, Bedenken und Zweifel: Seit fast zwei Jahrzehnten beschäftigt man sich mit der Integration der aus der Sowjetunion eingewanderten Juden. Da ist es an der Zeit, die zweite Generation in den Blick zu nehmen. Es sind Zehntausende, die in Deutschland ihren Lebensmittelpunkt sehen, sich mit den Spielregeln der hiesigen Gesellschaft identifizieren, die deutsche Sprache inzwischen besser als die russische beherrschen. Gemeint sind diejenigen, die bildungsbeflissen um die Bedeutung schulischer und akademischer Abschlüsse wissen, sozial aufsteigen und ihr Können und Wissen einsetzen, um Teil der Gesellschaft zu werden.
So weit, so gut. Erfolgsstorys setzen jedoch Bedingungen, Strukturen und Institutionen voraus, die diesen Prozess begleiten und stützen. Nachdem die jungen Einwanderer unter Beweis gestellt haben, wie entschieden sie ihren Integrationsprozess vorantreiben können, sind jüdische Institutionen gefordert, Ideen und Perspektiven zu entwickeln - sofern sie daran interessiert sind, junge Migranten in den Gestaltungsprozess einzubeziehen, ihnen Verantwortung und Kompetenzen zu übertragen.
Notwendig ist der Ausbau der Angebote in den Gemeinden für Jugendliche und junge Erwachsene. Diese Angebote sollen helfen, Hemmschwellen abzubauen. Für viele ist die Gemeinde in erster Linie ein abgeschlossener, religiöser Ort. Die Jugendzentren sollten als Orte der Begegnung verstanden werden, in denen Kinder aus alteingesessenen und zugewanderten Familien zusammenkommen. Dass sie sich unterscheiden, darf nicht ignoriert, sondern muss zum Gegenstand gemeinsamer Reflexion gemacht werden. So können die Jugendlichen sehen und erleben, wie vielfältig jüdische Identität sein kann.
Den Gemeinden gelingt es bisher nur selten, junge Erwachsene und die „mittlere“ Generation der Zuwanderer an sich zu binden. Doch sie müssen sich öffnen für Themen und Aktivitäten, die den Bedürfnissen und Interessen junger Menschen gerecht werden. Dazu sollten auch Lernangebote gehören, die einen intellektuellen Zugang zum Judentum ermöglichen. Dies könnte zum Beispiel unter dem Dach einer „Jüdischen Akademie“ stattfinden. Auch ist es an der Zeit, auf Verbandsebene über die Einrichtung von Stipendienfonds nachzudenken, zum Beispiel in Form eines „Jüdischen Studienwerks“.
Die Gemeinden wiederum sollten Foren, Gesprächskreise und Seminare etablieren, in denen sich die Mitglieder über die vielfältigen Formen jüdischen Lebens austauschen können. Dadurch ließe sich der verschüttete Erfahrungsschatz russischsprachiger Juden heben. Das hätte Folgen: Die Menschen würden nicht mehr glauben, sie hätten ein defizitäres Verhältnis zu ihrer jüdischen Herkunft.
Eine besondere Herausforderung für die Gemeinden ist die Tatsache, dass ihre Mitglieder keine gemeinsame Vergangenheit haben. Es dominieren zwei Geschichtsbilder: das Gedenken an die Schoa und die Erinnerung an den Großen Vaterländischen Krieg. Beides gilt es zu bewahren und in ein angemessenes Verhältnis zueinander zu setzen. Noch ist das nicht der Fall. Noch stehen unterschiedliche Erfahrungen, Erinnerungen und Erzählungen nebeneinander. Zudem sind unter den eingewanderten Familien viele, deren Schicksal sowohl durch den Holocaust als auch durch die Teilnahme am Zweiten Weltkrieg geprägt wurde. Für die Bildungsarbeit heißt das: Der Austausch und Dialog zwischen der Generation der Zeitzeugen und den Heranwachsenden muss verstärkt werden. Es braucht eine neue Erinnerungskultur.
Fast 20 Jahre russisch-jüdische Einwanderung nach Deutschland - die Entwicklung zeigt, dass die Gemeinden sich als bindende Struktur nur dann langfristig bewähren, wenn sie ihren Mitgliedern ein Forum sind, das Identität stiftet und ihnen unterschiedliche Modelle der Lebensführung zubilligt. Nur dann ist es möglich, die vielfältigen, oft brachliegenden Ressourcen sinnvoll zu nutzen.
Die Autoren - Andreas Gotzmann, Doron Kiesel und Karen Körber - haben im Auftrag des Zentralrats der Juden in Deutschland eine Untersuchung durchgeführt mit dem Titel „Im gelobten Land? Integrationsmuster jüdischer Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion im Prozess der Eingliederung in die jüdischen Gemeinden in Deutschland“.

Aus Jüdische Allgemeine Nr. 13 vom 26. 3.2009