9. Jahrgang Nr. 3 / 27. März 2009 - 2. Nissan 5769

Von Hoffnungen und Erwartungen

Rabbiner Dr. Joel Berger (Stuttgart) über die historische Bedeutung des bevorstehenden Pessachfestes

Das Pessachfest, das wir in diesem Jahr vom 9. bis 16. April (15. bis 22. Nissan 5769) feiern, ist eines der schönsten und inhaltsreichsten Feiertage des jüdischen Jahres. Das Fest des „ungesäuerten Brotes“wird auf Hebräisch „Chag Hamazzot“genannt. Im Festtagsgebetbuch dagegen wird es als „Zeman Cherutenu”, Fest des Erlangens der Freiheit bezeichnet. Wir gedenken der Befreiung aus der Sklaverei Ägyptens in der Antike und verzehren als Stütze für das Gedenken die Matzot. Pessach ist auch eines der drei klassischen Wallfahrtsfeste unseres Volkes, an denen die Ahnen, jung und alt, nach Jerusalem pilgerten, um dort die Tage des Festes im Heiligtum gemeinsam zu begehen.
Der Name „Pessach“weist auf den Bericht der Tora im zweiten Buch Moses hin, auf die g-ttliche Befreiung der versklavten Israeliten. Die Häuser unserer geknechteten Vorfahren wurden während der zehnten Plage, dem Tod der Erstgeborenen Ägypter, überschritten und verschont. Diese „Überschreitung“heißt auf Hebräisch: Pessach.
Der bekannte jüdische Maler Marc Chagall, der im weißrussischen Witebsk geboren wurde und ursprünglich Segal hieß, malte diese biblische Szene auf beeindruckende Weise: In einer Hütte sitzen die Mitglieder einer Großfamilie am Tisch. Männer, Frauen und Kinder. Vor ihnen auf dem Tisch liegt ein feuerrot gebratenes Lamm. Alle sind sichtlich damit beschäftigt, das Fleisch - wie verheißen - bis zum letzten Rest zu verzehren. Über dem Dach des Hauses zieht mit blutigem, ausgestrecktem Schwert der „Malach Hamawet”, der „Bote des Todes“vorüber. Er überschreitet soeben die Häuser der Israeliten. Eine plastische, farbenprächtige und bibeltreue Darstellung der Vorstufe der Befreiung unserer Vorfahren. Offensichtlich kannte sich Chagall in der Tora und ihrer Exegese besser aus als jene Maler des Mittelalters, die im kirchlichen Auftrag die Bilder vom „Letzten Abendmahl“gemalt hatten. Dieses war nämlich ein jüdisches Pessachmahl gewesen. Bei einem solchen wäre es aber unvorstellbar, dass die Männer ohne ihre Familien, ohne Frauen und Kinder daran teilgenommen hätten.
Es gehört zur Zeremonie des Seder Abends, dass man die „Matzot“vom Tisch hebt und sagt: „Dies ist das Brot des Elends, das einst unsere Väter, Mütter und Kinder in Ägypten gegessen haben. Jeder, der Not leidet, komme und esse mit uns [...] In diesem Jahr, hierzulande, im kommenden Jahr (vielleicht) im Lande Israel, in diesem Jahr (womöglich) als Knechte, im kommenden Jahr (hoffentlich) als freie Bürger [...]“Kaum ein anderer Text - möge dieser sogar von Propheten stammen - drückt die messianischen Hoffnungen und Erwartungen des jüdischen Volkes zutreffender aus. Zu Pessach wird stets der Bogen der historischen Erinnerung gespannt: vom „Pessach Mizrajim”, dem Fest des „israelitischen Abendmahls“am Vorabend des Auszuges aus Ägypten, bis zum „Pessach leatid”, dem Erleben der kommenden Erlösung unserer Welt.
Die profane Handlung, die zur „Verinnerlichung“jener heilsgeschichtlichen Inhalte dient, ist das Verspeisen des ungesäuerten Brotes, der „Matza“während der acht Tage des Festes. Durch das Verzehren der Matza wird immer wieder an das „Lechem Oni“an das „Brot des Elends“der ägyptischen Diaspora erinnert. Zugleich auch daran, dass dieses ungesäuerte Brot, laut Tora, in großer Hast gegessen wurde, weil der Auszug aus dem Lande der Sklaverei in großer Eile erfolgte, als die Stunde der Freiheit nach langer Leidenszeit und bitterem Frondienst geschlagen hatte.
Aristoteles, der die europäischen Denker lange maßgeblich beeinflusste, war noch der Meinung, Sklave ist, wer als Sklave geboren wurde. Dagegen wären freie Menschen auch als solche geboren. Die Modernität des Judeseins ist, unter anderem, ein diesem Postulat entgegen gesetztes Denken.
Die Würde des Menschen kann man in Freiheit - in einer Demokratie - leichter und erfolgreicher bewahren und schützen. Totalitäre Staaten und Mächte verlangen, dass man auf die Fähigkeit des selbständigen Denkens verzichtet. Stattdessen zwingen sie zum Dienst ihrer Ideologie, mit der Maßgabe, dass durch deren Annahme das eigene Schicksal eine günstigere Wende nehmen würde.
Die Freiheit, die uns Pessach bis heute verkündet, lehrt aktiven Anteil in positiven Veränderungen der Gemeinschaft zu nehmen, gegen jede Gleichgültigkeit und Passivität. Daher hat Pessach seine Bedeutung als Fest der Freiheit bis heute nicht verloren.