9. Jahrgang Nr. 3 / 27. März 2009 - 2. Nissan 5769

Einhundert Jahre „Hügel des Frühlings”

Israels quirlige Metropole Tel Aviv feiert mit einem bunten Festreigen runden Geburtstag

Es gibt Städte, denen Größe bereits in die Wiege gelegt wurde - wie etwa Brasilia, das architektonische Großexperiment des 20 Jahrhunderts oder, zweieinhalb Jahrhunderte früher, Sankt Petersburg. Dagegen vollzog sich die Gründung Tel-Avivs ohne Pauken und Trompeten: Am 11. April 1909 - also genau vor einhundert Jahren - versammelten sich einige Dutzend jüdische Familien am Mittelmeerstrand, um den Bauboden für einen kleinen Vorort der Hafenstadt Jaffa zu parzellieren. Der Neubau war wegen zunehmender Überbevölkerung und der jüdisch-arabischen Spannungen in Jaffa erforderlich geworden. Die Neusiedler galten als mutige Pioniere, die einen Sprung ins Ungewisse wagten.
Die kleine Gemeinde hieß Achusat Bajit, zu Deutsch soviel wie „Hausanwesen”. Der Name Tel-Aviv wurde erst später, nach der Zusammenlegung mit zwei weiteren Neubauvierteln, festgelegt. Jedenfalls konnte sich vor einhundert Jahren niemand vorstellen, dass die kleine Siedlung eines Tagen zu Israels Geschäfts- und Kulturmetropole mutieren würde und im Ausland als Synonym für Israel gilt. Freilich: Im Land selbst ist das anders, dort gehen viele auf Distanz zu der glitzernd-freizügigen liberalen Metropole und behaupten „Tel-Aviv ist nicht Israel”. Damit teilt Tel-Aviv das Schicksal New Yorks, von dem es immer wieder heißt: „New York ist nicht Amerika”. Diesen Vergleich schätzen die Tel-Aviver und nennen ihre Stadt auf Englisch schon mal „Big Orange“in Anlehnung an den New Yorker „Big Apple”.
Bei so viel Selbstbewusstsein will sich Israels Weltstadt zu den Jahrhundertfeiern nicht lumpen lassen. Bis Ende 2009 setzt sich Tel-Aviv mit 55 verschiedenen Veranstaltungen in Szene. Am 2. April werden die offiziellen Feierlichkeiten mit einem Galaempfang für 1000 handverlesene Prominente aus Politik und anderen Bereichen des öffentlichen Lebens eingeläutet. Und natürlich dürfen dabei weder das diplomatische Korps noch die Bürgermeister von Tel-Avivs Partnerstädten fehlen. Darüber hinaus stehen zahlreiche Straßenfeste auf dem Programm und zum Abschluss gibt es ein öffentliches Konzert auf dem Rabin-Platz. Das soll - so hoffen zumindest die Stadtväter - eine Riesenshow werden, die ihresgleichen sucht. Selbstverständlich kommen im Laufe der kommenden Monate auch Kulturfreunde auf ihre Kosten, sei es beim Internationalen Theaterfestival im „Cameri”, sei es beim Freiluftkonzert der La Scala im Ha-Jarkon-Park, sei es bei Aufführungen des Suzanne-Dellal-Tanzzentrums.
Ebenso wenig fehlt der Blick in die Zukunft. Gleich in der kommenden Woche findet die Internationale Konferenz über nachhaltige Stadtentwicklung statt. Dabei will sich Tel-Aviv in der Gesellschaft vieler Freunde Gedanken über sein zweites Jahrhundert machen. Das wird auch höchste Zeit, stehen doch vordringliche Entscheidungen an, die das Gesicht der Metropole für die kommenden Jahrzehnte prägen werden. Bekommt die Stadt, die täglich an einem Verkehrskollaps zu ersticken droht, endlich ein U- oder S-Bahn? Werden alte Häuser - nicht die Perlen der Gründerzeit, an deren Renovierung fleißig gearbeitet wird, sondern die namenlosen drei- und vierstöckigen Bauten der fünfziger und sechziger Jahre - durch Hochhäuser ersetzt oder verschönert und ausgebaut? An Fragen zur Entwicklung für den „Hügel des Frühlings“fehlt es nicht.
Und, für das schnelllebige Tel-Aviv eigentlich untypisch, besinnt sich die Stadt zum Hundertsten auf ihre Vergangenheit: Im April werden Teile der 1871 von deutschen Templern gegründeten deutschen Kolonie Sarona wiedereingeweiht - ohne, versteht sich, an messianische Christen zurückgegeben zu werden, Tel-Aviver Bürger, die schon am 11.4.1909 auf der Welt waren, werden geehrt, eine Fotoausstellung dokumentiert das Leben von Stadtbewohnern, die das stolze Alter von einhundert Jahren überschritten haben.

Wladimir Struminski