Am
1. und 2. Tischri wird das Neujahrsfest begangen, das ein ernster Feiertag ist. Der Name Neujahr (Rosch ha-Schana) kommt in der
Bibel nicht vor, und auch in den Gebeten dieses Festes ist kaum davon
die Rede. Im Festsegen – und auch sonst – wird vom „Tag der Erinnerung“
oder „Tag des Posaunenschalls“ gesprochen. Der
Sinn des Neujahrsfestes liegt in der Erinnerung an den Bund, der
zwischen Gott und Israel geschlossen wurde und der für die Israeliten
eine sittliche Forderung und Verpflichtung darstellt. Der Tag soll dazu
dienen, die Menschen zu veranlassen, in sich zu gehen, sich vom Bösen
abzuwenden und gut zu handeln. Rosch ha-Schana ist der Tag, an dem der
Mensch Rechenschaft über sein Tun ablegen und sich seiner moralischen
Pflichten bewußt werden soll.
Als äußeres
Instrument, den Menschen an seine moralischen Pflichten zu erinnern, dient
die Posaune, der Schofar. Das ist ein Widderhorn, das im
Morgengottesdienst nach der Tora- und Prophetenlesung sowie an mehreren
Stellen des Zusatzgebetes in festgelegten Tonfolgen geblasen wird
(außer wenn der Festtag auf einen Sabbat fällt.)
In
vielen Gemeinden ist es Brauch, den Betraum für den
Neujahrsgottesdienst besonders feierlich auszugestalten. Um die
Erhabenheit des Tages zu betonen, pflegt in der Synagoge die weiße
Farbe vorzuherrschen. Der Vorhang vor dem Toraschrank, die Decke auf
dem Vorbeterpult und die Kleidung des Vorbeters sind weiß, im Gegensatz
zu dem sonst Üblichen.
Rosch ha-Schana wird
überall zwei Tage gefeiert, auch in Israel, wo bei den übrigen
Festen die zweiten Tage entfallen. Der Kultus ist im wesentlichen an
beiden Tagen identisch.
Die häusliche
Feier des Neujahrstages besteht darin, daß dem Kiddusch und dem
Segensspruch über das Brot noch ein Segen über Baumfrüchte angefügt
wird. Man nimmt dazu einen Apfel, den man vor dem Verzehr mit Honig
bestreicht, wobei man dem Wunsch Ausdruck verleiht, das neue Jahr möge
gut und süß werden. Die Brote für das Neujahrsfest sind nicht wie sonst
geflochten und länglich, sondern es ist üblich, rund gewickelte
Weißbrote zu verwenden, um auf diese Weise den Jahreskreislauf zu
symbolisieren.
Aus: Heinrich Simon: Jüdische Feiertage, Verlag Hentrich und Hentrich und Centrum Judaicum Berlin, 2003