9. Jahrgang Nr. 3 / 27. März 2009 - 2. Nissan 5769

Junge Muslime haben mit Juden ein Problem

Erschreckendes Ergebnis: Studie warnt vor Zunahme antisemitischer Tendenzen unter muslimischen Einwanderern – Zentralrat der Juden besorgt

Eine neue Studie der Amadeu Antonio Stiftung alarmiert die Politik, jüdische, aber auch türkische Interessenvertreter: Unter dem Titel „Die Juden sind Schuld“befasst sich die neue Broschüre der Stiftung mit den Einstellungen über Juden unter den drei Millionen Muslimen in Deutschland. Die Autoren sehen dabei einen steigenden Antisemitismus als „neues Problemfeld, das in den großen urbanen Wohnquartieren mit überwiegend muslimischer Wohnbevölkerung vorzufinden ist”. Dies zeige sich in einer steigenden Zahl antijüdischer Straftaten, für die muslimische Tatverdächtige verantwortlich gemacht werden. Für 2006 seien 88 solcher Taten registriert worden, 100 Prozent mehr als im Jahr davor. Die Zunahme antisemitischer Tendenzen unter muslimischen Einwanderern, sowie der latente und offene Antisemitismus aus diesem Milieu sei ein Problem, warnt der Zentralrat der Juden in Deutschland. „Gerade bei muslimischen Jugendlichen sehen wir eine erhöhte Gewaltbereitschaft”, sagte Generalsekretär Stephan J. Kramer. Der Konflikt im Nahen Osten fungiere „als Identität stiftendes Moment für einige Muslime, die sich in Deutschland ausgegrenzt fühlen”, heißt es weiter. Einen Partner bei der Bekämpfung antisemitischerer Tendenzen sieht Kramer in den muslimischen Organisationen in Deutschland. „Wir haben eine verlässliche und vertrauliche Beziehung zu den muslimischen Verbänden.“Das könne zwar nicht über fundamentale Unterschiede hinwegtäuschen, „aber wir kämpfen gemeinsam gegen Diskriminierung und Rassismus in unserem Land”. Über Israelkritik und Judenhass unter Muslimen ein Gespräch mit Cem Özdemir, dem Vorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen.

Herr Özdemir, die Amadeu-Antonio-Stiftung dokumentiert in einer am vergangenen Montag veröffentlichten Broschüre den offenen Judenhass unter Muslimen in Deutschland. Was macht dieses Phänomen aus?
Cem Özdemir: Die Mechanismen von Ausgrenzung und Abwertung sind gruppenübergreifend ähnlich. Oftmals kommt muslimischer Antisemitismus, wie zum Beispiel auch der linke Antisemitismus, im Gewand der Israelkritik daher, nimmt aber parallel auch Juden in die Verantwortung für das, was man - zu Recht oder zu Unrecht - als falsch an der israelischen Politik empfinden kann. Dabei sollen alle Juden in eine Art Sippenhaft genommen werden. Es gibt die intellektuell-verbrämte Form in manchen Verbänden und Medien, bei denen es heißt: „Wir haben ja nichts gegen Juden, aber ...”. Und die vulgäre Form, die man in U- oder S-Bahnstationen sieht, wo Menschen mit Kippa angegriffen werden.

Ist muslimischer Antisemitismus besonders gefährlich?
Er ist nicht mehr oder weniger gefährlich als der Antisemitismus von Rechtsradikalen oder der der „antizionistischen Linken”. Das ist auch keine muslimische Erfindung. Es handelt sich um ein relativ neues Phänomen in der sogenannten islamischen Welt. Nichtsdestotrotz muss man sich damit auseinandersetzen und ihn bekämpfen.

Woher kommen die antisemitischen Klischees? Die meisten Muslime haben hier überhaupt keinen Kontakt zu Juden.
Das stimmt. Sicher spielt der Konflikt im Nahen Osten eine große Rolle. Er dient aber auch als Projektionsfläche für antisemitische Einstellungen und wird oft missbraucht. Denn nicht jedem, der über Palästinenser oder Araber spricht, geht es um die Verbesserung ihrer Lebensumstände. Oftmals ist es auch eine beliebte Ausrede, um das Feindbild Westen und Israel zu kultivieren.

Also gäbe es auch ohne den Nahostkonflikt immer noch diese Feindbilder?
Davon muss man ausgehen. Es wäre aber leichter und wünschenswert, wenn dieser Konflikt gelöst werden könnte. Nicht nur wegen des Antisemitismus, sondern auch wegen des Friedens im gesamten Nahen Osten und auch in der Welt. Aber selbst, wenn eine Zweistaatenlösung Erfolg hat, würden nicht alle verstummen, die das Existenzrecht Israels infrage stellen.

Die Broschüre „Die Juden sind schuld“kann bei der Amadeu-Antonio-Stiftung gegen eine Schutzgebühr bestellt werden oder aus dem Internet herunter geladen werden:www.amadeu-antonio-stiftung.de

Aus Jüdische Allgemeine Nr. 9 vom 26. Februar 2009