09.11.2004

Zentrale Gedenkveranstaltung in Erinnerung an die Pogromnacht vom 9./10. November 1938

Rede des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland Dr. h.c. Paul Spiegel

Robert-Schumann-Saal, museum kunst-palast,
Ehrenhof 3-4, Düsseldorf
am 09. November 2004

(Es gilt das gesprochene Wort)

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde die deutsche Bevölkerung auf die Probe gestellt. Die übergroße Mehrheit versagte kläglich. Ganz im Sinne Hitlers konnte sich die NS-Führungsriege durch das passive, feige Verhalten der nichtjüdischen Bürgerinnen und Bürger in ihrem menschenverachtenden Vorgehen gegen die Juden bestärkt fühlen. Einer der wenigen, die damals nicht wegschauten und sich nicht einschüchtern ließen, war Dr. Gronover, ein Hals-Nasen-Ohrenarzt, der sich ohne Umschweife bereit erklärte, meinen schwer verletzten Vater zu behandeln. SA-Männer hatten ihn nachts im Schlafanzug auf die Straße getrieben, an das Ufer der Ems gezerrt und dort stundenlang auf ihn und andere Juden eingeprügelt. Mehrere niedergelassene Ärzte wie auch das Krankenhauspersonal verweigerten dem alteingesessenen Warendorfer Bürger Hugo Spiegel jede medizinische Hilfe. Dr. Gronover reagierte auf das Geständnis meiner verzweifelten Mutter, wir seien eine jüdische Familie, geradezu unwirsch. Religiöse Bekenntnisse interessierten ihn nicht. Er versorgte meinen Vater auf vorbildliche Weise und gab meinen Eltern durch sein Verhalten ein Stück Vertrauen zurück.

Ich war noch kein Jahr alt, als in Warendorf und ungezählten anderen Orten Deutschlands Hunderttausende Menschen mit brutaler Gewalt konfrontiert, ihrer Existenz beraubt und gedemütigt wurden. Mir blieb zu diesem Zeitpunkt noch die Angst erspart, die ein Mensch beim Anblick brennender Gottes-und Gemeindehäuser, zerstörter Geschäfte und geplünderter Wohnungen erfasst. Die Geräusche von klirrendem Glas, von Gewaltanwendung und panisch schreienden Frauen, Männern und Kindern wurde von mir fern gehalten. Was in dieser Nacht alles geschah, erfuhr ich erst viel später. Gemeinsam mit meiner Familie erlebte ich jedoch sehr bewusst die Folgen oder besser die noch weitaus schlimmere Fortsetzung der damaligen Geschehnisse.

Mein persönliches Gedenken an den 9. November 1938 ist verständlicherweise stark durch die Erlebnisse meiner Eltern geprägt. Zugleich empfinde ich tiefe Trauer für all die anderen Opfer dieses bis dahin größten und schlimmsten Pogroms auf deutschem Boden seit den Massakern an Juden im Mittelalter: Für die 91 Toten, für die über 30.000 Menschen, die am darauf folgenden Tag in Konzentrationslager verschleppt und für die ungezählten Menschen, die misshandelt und zutiefst gedemütigt wurden. Das bis heute nachwirkende Entsetzen über das Schicksal der Opfer lenkt meinen Blick an diesem Gedenktag auf die damaligen Täter. Auf die Horden brauner Schläger und gewissenloser Handlanger eines verbrecherischen Systems. Vor allem aber auf die vielen Menschen ohne braune Uniform: Die schweigenden Nachbarn, die sich abwendenden Freunde und Bekannten, die gaffenden Zuschauer, die plündernden Passanten und klammheimlich applaudierenden Mitläufer.

Sie alle hätten an diesem 9. November 1938 die Chance gehabt, dem Wahnsinn Einhalt zu gebieten und eine Rückkehr zu einem zivilisierten Miteinander von Juden und Nichtjuden in Deutschland zu ermöglichen. Wie wir wissen, geschah genau das Gegenteil. Die Reichspogromnacht markiert rückblickend den Beginn einer sich ins Unfassbare steigernden Enthemmung im Umgang mit der jüdischen Bevölkerung. Die Entrechtung der Juden, die Aufhebung ihres Status als Bürger war ohnehin fast vollständig vollzogen. Die Antisemiten im Land konnten von nun an sicher sein, keine Repression bei der Misshandlung jüdischer Bürger fürchten zu müssen. Vielmehr durfte jeder, der seinen Vorurteilen und seinem Hass freien Lauf ließ, mit staatlicher Anerkennung und Auszeichnungen aller Art rechnen.

Das Gedenken an den 9. November ist nicht nur unverzichtbar, weil dieses Datum eine Zäsur im Umgang mit den Juden, sprich das Abgleiten in ungezügelte, willkürliche Gewaltanwendung markiert. Fast noch wichtiger ist es, sich an diesem Tag mit der Lebenslüge von Millionen von Mitläufern auseinander zu setzen. Gemeint ist das entlastende, den nachgeborenen Kindern und Kindeskindern mit auf den Weg gegebene Märchen, man habe damals ja gar keine Vorstellung davon gehabt, was die Nazis im Schilde führten. Tatsache hingegen ist, dass die von Goebbels beherrschte Propaganda zum damaligen Zeitpunkt schon fünf lange Jahre hindurch immer stärker, immer hasserfüllter, immer reißerischer und polemischer den Weg in den Abgrund skizziert hatte. Nichts davon war zweideutig, hintersinnig oder etwa nur für Eingeweihte verständlich. Die schlichten Worte, raffinierten Verleumdungen und vermeintlich schlüssigen Argumentationsketten erreichten auf Anhieb die Massen. Ob Plakate, Flugblätter, Zeitungsartikel oder Radioansprachen – niemand konnte der teuflisch-genialen Polemik entgehen. Die Reichspogromnacht lieferte den für alle Welt sichtbaren Beweis, dass es sich bei den Hetztiraden nicht nur um leere Worte handelte. Sie war Ausdruck der Entschlossenheit Hitlers, Ernst machen zu wollen. Das von Goebbels beschworene Ziel eines „judenreinen Reichs“ mag für den Einzelnen nicht erkennbar gleichbedeutend gewesen sein mit dem, was wenig später in den Todesfabriken von Auschwitz, Majdanek und Treblinka stattfand. Doch war nicht alles, was bis Mitte November 1938 geschehen war, schon schrecklich und menschenverachtend genug?

66 Jahre später wissen wir, dass die Wegstrecke vom Novemberpogrom zur systematischen, staatlich angeordneten Vernichtung von unschuldigen Menschen unvorstellbar kurz war. Inzwischen wissen wir auch, dass trotz des erlittenen Leids und Millionen Toter ein Neuanfang nach dem Krieg möglich war. Auch mein Vater entschied sich, nachdem er mehrere Konzentrationslager überlebt hatte, für die Rückkehr nach Deutschland. Eine Entscheidung übrigens, die ich nie bedauert, sondern mit meiner Familie gleichsam nochmals bekräftigt habe. Auch Baruch Milch, dessen Tagebuch die Vorlage für die Komposition lieferte, die wir heute hören werden, kehrte nach erschütternden Erlebnissen zunächst in seine Heimatstadt in Galizien zurück. Er musste die schreckliche Erkenntnis machen, der einzige Überlebende seiner Familie zu sein. Um nicht an Verzweiflung, Bitterkeit und Trauer zugrunde zu gehen, verließ er seine ehemals so geliebte Heimat und ging nach Palästina. Für ihn war nicht in der alten Heimat, sondern wenn überhaupt nur in der Fremde, als Jude unter Juden ein Neuanfang möglich.

Die Entscheidung für Deutschland schien für die vergleichsweise wenigen noch lebenden oder nicht ausgewanderten Juden vor allem deshalb vertretbar, weil mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland ein glaubhafter Neubeginn vollzogen worden war. Diese Einschätzung erwies sich in den vergangenen Jahrzehnten als richtig. Bei allem Vertrauen in die demokratische und rechstaatliche Ordnung Deutschlands gab und gibt es jedoch immer wieder Anlass zur Sorge. Hier wie im übrigen Europa ist der Antisemitismus nach wie vor virulent. Maßnahmen zur Bekämpfung werden ergriffen, doch viel weniger als nötig wären. Dies ist umso mehr zu kritisieren, als sich die Gefahrenlage verändert und leider auch verschärft hat. Mitverantwortlich sind einerseits die weltpolitische Situation und der nicht zur Ruhe kommende Nahostkonflikt. Andererseits ist es die soziale und gesellschaftliche Umbruchsituation, die in jüngster Zeit besonders in Ostdeutschland wieder verstärkt neue und immer jüngere Anhänger in das Lager der Rechtsradikalen spült. Eine verhängnisvolle Entwicklung, die in ihrem ganzen Ausmaß nur ungenügend registriert wird. Der entsetzte Aufschrei am Wahlabend über den Einzug von Vertretern rechtsradikaler Parteien in die Landesparlamente von Sachsen und Brandenburg ist längst verhallt. Inzwischen haben sich die Landtage konstituiert und die übrigen Fraktionen haben sich über Strategien im parlamentarischen Umgang mit den Rechten verständigt - nun wird wieder der Alltag einziehen.

Zweifellos haben die führenden Köpfe von DVU und NPD nicht das Format eines Goebbels und natürlich unterscheidet sich die Bundesrepublik grundlegend von der Weimarer Republik. Das sind Binsenwahrheiten, die gern angeführt werden, um das Problem des Rechtsradikalismus klein zu reden. Die wirkliche Gefahr sind nicht einzelne dumpfe Abgeordnete, sondern die erschreckend gut organisierte Basis. In vielen Regionen Ostdeutschlands sind es längst rechte Rattenfänger, die die Jugendszene fest im Griff haben. Dieser sich stetig ausbreitende Einfluss von gewaltbereiten Rassisten und Antisemiten auf Schüler und junge Erwachsene muss nicht nur die betroffenen Länder, sondern alle Landesregierungen wie auch die Bundesregierung alarmieren. Es besteht dringender Handlungsbedarf. Auch mit Blick auf die nächste Bundestagswahl. Eine rechtsradikale Fraktion im Deutschen Bundestag wäre für die hier lebenden Minderheiten ein ebenso verheerendes Signal wie für das Ausland.

Die Vollstrecker des Novemberpogroms wie auch die Mitläufer mussten ihr Handeln zu keinem Zeitpunkt vor dem Gesetz rechtfertigen oder begründen. Für alle Zeit wird bei der Beschäftigung mit dem Schicksal der Juden während des Holocaust die Frage nach der Seele, dem Geist und dem Gewissen der Täter und ihrer Helfer unbeantwortet bleiben. Ebenso wie die verzweifelte, Hilfe suchende Frage von Baruch Milch: „ Ist der Himmel leer?“.

So möchte ich abschließend im Gedenken an das Schicksal von Baruch Milch und allen anderen Opfern und Leidtragenden des Holocaust den engagierten Schülerinnen und Schülern für ihren Einsatz und ihr Geschichtsbewusstsein ebenso danken wie den Mitarbeiterinnen der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf sowie der Tonhalle Düsseldorf für ihre großartige wissenschaftliche und pädagogische Arbeit. Mein besonderer Dank gilt der Komponistin Ella Sheriff, der Tochter von Baruch Milch, für ihre Anwesenheit und die Bereitschaft, ihre Komposition heute für uns zur Aufführung zu bringen. Ich danke Ihnen.