9. Jahrgang Nr. 2 / 27. Februar 2009 - 3. Adar 5769

Große Pläne für alte Synagoge

In Augsburg entstehen zwei neue Betsäle - Gemeinde im Portrait

Von Irina Leytus

Im Südosten Bayerns liegt die Domstadt Augsburg, die nach dem Römischen Kaiser Augustus benannt und noch vor der neuen Zeitrechnung gegründet worden ist. Somit ist die schwäbische Hauptstadt auch Deutschlands älteste Stadt. Auch die Anfänge des jüdischen Lebens in dieser Region reichen in diese Zeit zurück: Nach dem Aufstand in Jerusalem gegen die Römer siedelten sich hier im ersten Jahrhundert jüdische Flüchtlinge an. Noch eine historische Besonderheit aus dem 20. Jahrhundert unterscheidet Augsburg von anderen deutschen Städten: Am 9. November 1938, als in Augsburg und überall in Deutschland die Synagogen brannten, mussten die Nazis hier selbst den Brand löschen. Der Grund dafür war allerdings nicht etwa eine plötzliche Einsicht, sondern vielmehr die Angst, dass die nahe gelegene Tankstelle zu einer großen Katastrophe führen könnte. Nichtsdestotrotz wurde die im Jahre 1914 von Fritz Landauer entworfene Synagoge völlig verwüstet. 1985 wurde sie aufwendig restauriert und ist heute Museum. Jetzt soll das Gebäude allerdings wieder Synagoge werden: Innerhalb von zwei Jahren sollen zwei Betsäle für 800 und 150 Beter entstehen.

Und der Bedarf dafür ist längst vorhanden. Die Gemeinde hat inzwischen 1670 Mitglieder, die zum größten Teil aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion stammen. Einer von ihnen ist der Gemeinde-Vorsitzende Alexander Mazo, der vor sechs Jahren aus Taschkent nach Schwaben kam und seit 2004 ehrenamtlich für die Gemeinde arbeitet. Tatkräftig und engagiert übernahm der 54-jährige Jurist inoffiziell die Leitung der Geschäftsstelle, da die Stelle aus Kostengründen nicht besetzt war. Das Gemeindehaus wurde restauriert und der große Friedhof nebst Betthaus wurde wieder brauchbar gemacht. Neben dem Umbau der großen Synagoge gibt es zurzeit Pläne für ein jüdisches Altersheim. Allerdings dürfen auch die jüngeren Mitglieder der Gemeinde nicht zu kurz kommen: 30 Kinder sollen schon bald den Gemeinde-Kindergarten besuchen. Außerdem gibt es eine sehr beliebte „Sonntagsschule“ mit einem breit gefächerten pädagogischen Angebot für jüdische Kinder.

Die „Seele“ der Gemeinde ist Gemeinderabbiner Henry Brandt, Kulturdezernent ist der aus Serbien stammende Nicola David, der sich außerdem in Potsdam am Geiger Kolleg zum Kantor ausbilden lässt. Eine weitere Besonderheit der Augsburger Gemeinde ist ihre große Bibliothek und das Archiv. Während des ersten Umbaus 1985 fanden sich unzählige alte Dokumente, die hier systematisch archiviert wurden. Inzwischen gilt das Gemeindearchiv als der „kleine Bruder“ des Augsburger Stadtarchivs und hat sich für Historiker längst als ideale Forschungsquelle zur Geschichte des Judentums etabliert.

Die Augsburger Gemeinde, die auf eine lange wechselvolle Geschichte zurückblickt, blickt selbstbewusst und optimistisch in die Zukunft: „Es gibt noch viel zu tun, auf den verschiedenen Baustellen - im wahrsten und übertragenen Sinne des Wortes“, so der aktive Vorsitzende Alexander Mazo.