9. Jahrgang Nr. 1 / 30. Januar 2009 - 5. Schwat 5769

Frischer Wind im alten Haus

Die Gedenkstätte Alte Synagoge in Essen wird zum “Haus jüdischer Kultur” umgebaut

Von Gaby Hommel
In der Essener Innenstadt, direkt an der Autobahn A 40 gelegen, die das Zentrum der Stadt durchschneidet, steht ein mächtiges Bauwerk. Seine grüne Kuppel, 37 Meter hoch, mutet orientalisch an. Eine große Freitreppe führt zum Portal hinauf. Davor steht ein steinerner Sarg, auf dem lange Zeit zu lesen war, dass "mehr als 2500 Juden der Stadt Essen in den Jahren 1933 bis 1945 ihr Leben lassen mussten." Aus welchen Gründen verriet das nach Kriegsende aufgestellte Monument lange Zeit nicht. Erst 1981 wurde seine Inschrift geändert. Kurz nachdem das zuvor fast zwanzig Jahre für technische Leistungsschauen genutzte Gebäude vom "Haus der Industrieform" zur "Gedenkstätte der Stadt Essen" erklärt worden war. Bis vor wenigen Wochen erinnerten unter seinem Dach zwei Dauerausstellungen an den Holocaust und speziell die Verfolgung der Juden in Essen. Nun steht eine erneute Umwidmung der früheren Synagoge an. Vom "historisch-politischen Dokumentationsforum" soll sie zum "Haus jüdischer Kultur" werden.
7,4 Millionen Euro sind für das Projekt veranschlagt. Rund 80 Prozent der Kosten trägt das Land Nordrhein-Westfalen. Die restlichen Mittel wollen private Sponsoren aufbringen. Während der Umgestaltung, die mit Essens Nominierung zur Europäischen Kulturhauptstadt im Frühjahr 2010 abgeschlossen sein soll, bleibt die Einrichtung für Besucher geschlossen. Dafür erwartet sie nach der Wiedereröffnung eine "Verbindung von historischem Gebäude und modernen Inhalten", wie es in einer Mitteilung des Hauses heißt. Schwerpunktmäßig werde der Blick nicht mehr auf die Zeit des Nationalismus gerichtet sein, sondern die Bandbreite jüdischer Kultur und Geschichte beleuchten.
Dies bedeute nicht, einen Schlussstrich zu ziehen, betont Edna Brocke, seit 1988 Leiterin der Gedenkstätte. Vielmehr gehe es darum, eine ehemalige Synagoge nicht auf zwölf Jahre Nationalsozialismus zu reduzieren. "Zu lange wurde der jüdische Charakter des Hauses durch nichtjüdische Bedürfnisse an der Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit verformt, verdeckt oder ignoriert", stimmt Karl Heinz Klein-Rusteberg, Geschäftsführer der Gesellschaft für Christlich- jüdische Zusammenarbeit in Essen, dem neuen Konzept zu. Grundsätzlich positiv beurteilt es auch die Jüdische Kultusgemeinde Essen. "Wir sind nicht direkt eingebunden", sagt Hans Byron, Mitglied im Vorstand, "begrüßen aber die neue Ausrichtung."
Auf jeden Fall wird der Steinsarg vor der Tür demontiert, außerdem zieht das Stadtarchiv, seit 1962 im Rabbinerhaus der ehemaligen Synagoge untergebracht, ins derzeit noch in Entstehung begriffene "Haus der Essener Geschichte" um. Dort sollen auch große Teile der bereits abgebauten Präsentationen ihren Platz finden. Und nicht zuletzt ist an städtebauliche Maßnahmen gedacht, um das Umfeld der Synagoge, wie sich Essens Baudezernentin Simone Raskop ausdrückt, "zu einem Bereich mit deutlich gesteigerter Aufenthaltsqualität" zu machen.
Im Inneren des Hauses wird an fünf neuen Ausstellungsbereichen gearbeitet. Neben "Quellen jüdischer Tradition" und zentralen jüdischen Festen - die früheren sechs Hauptfenster der Essener Synagoge waren ihnen gewidmet - sollen sie den "Jewish Way of Life" thematisieren. "Denn das Judentum ist nicht nur Glaubenform sondern eine umfassende Lebenskultur", erklärt Dr. Peter Schwiderowski, Stellvertretender Leiter der Alten Synagoge Essen. Zwei weitere Präsentationen im künftigen "Haus jüdischer Kultur" werden sich mit der jüdischen Gemeinde in Essen vom 19. Jahrhundert bis nach Kriegsende befassen sowie der Geschichte des Gebäudes.
1913 wurde die alte Synagoge nach nur zweijährigerer Bauzeit fertig gestellt. 4500 Mitglieder zählte die jüdische Gemeinde in Essen zu der Zeit. Bis 1938 konnte sie sich an ihrer neuen Synagoge erfreuen. Nach der Pogromnacht blieben von ihr kaum mehr als die Außenmauer stehen. Diese allerdings trotzten auch den Bombenangriffen. Heute gilt die Alte Synagoge Essen als größtes jüdisches Gotteshaus "nördlich der Alpen", das 1945 noch stand. Seit den 50iger Jahren befindet es sich im Besitz der Stadt Essen. Zur Erinnerungsstätte wurde es erst, nachdem - Fingerzeig der Geschichte - die letzte Zurschaustellung modernen Industriedesigns in seinen Räumen abgebrannt war.