9. Jahrgang Nr. 1 / 30. Januar 2009 - 5. Schwat 5769

Die Schlacht ist vorbei, aber der Kampf geht weiter

Israels Armee hat sich in Gasa gut geschlagen. Die Zukunft der Region wird dennoch von der internationalen Politik bestimmt.

Zukunft 9. Jahrgang Nr. 1
Zukunft 9. Jahrgang Nr. 1
Von Wladimir Struminski
Seit dem 18. Januar schweigen in Gasa die Waffen, auch wenn die Ruhe brüchig ist. Mit der Kampfeinstellung ging die "Operation Gussblei", bei der Israel drei Wochen lang gegen die Terroristen und die Infrastruktur der Hamas vorgegangen war, zu Ende - jedenfalls vorerst. Mit seiner Militäroperation hatte der jüdische Staat auf eine beispiellose Raketenoffensive der Hamas und damit auf eine strategische Bedrohung durch die "Islamische Widerstandsbewegung" reagiert.
Seit seinem Ausbruch wird der Gasa-Konflikt weltweit in all seinen Aspekten analysiert, bewertet und gedeutet. In den Medien liefern sich Befürworter und Kritiker des israelischen Vorgehens erbitterte Wortgefechte. Nur eine Frage konnte bisher nicht schlüssig beantwortet werden: Wer hat im Gasa-Krieg gesiegt? Dieses Manko liegt weder an erlahmendem Eifer der Kommentatoren oder ungenügendem Wissen der Sachverständigen. Vielmehr wird über Sieg oder Niederlage erst in den kommenden Wochen und Monaten entschieden - und zwar nicht auf dem Kriegsschauplatz, sondern auf dem glatten Parkett internationaler Politik.
Das bedeutet nicht, dass die israelische Armee sich schlecht geschlagen hätte. Ganz im Gegenteil. Anders als im zweiten Libanonkrieg vom Sommer 2006 waren die Streitkräfte diesmal auf ihre Aufgabe gut vorbereitet. Unter Führung des superprofessionellen Generalstabschefs Gabi Aschkenasi hatte sich die Armee zwei Jahre lang auf diesen Einsatz vorbereitet. Die Truppen waren gut ausgebildet und wussten in dem gefährlichen Gelände zielsicher voranzukommen. Auch deshalb fielen die israelischen Verluste mit zehn Soldaten niedriger aus als im Vorfeld befürchtet worden war. Demgegenüber musste die Hamas rund 500 Gefallene hinnehmen. Die zivilen Verluste der Palästinenser lagen tragischerweisen noch höher - eine Folge der Hamas-Strategie, sich hinter "menschlichen Schutzschilden" zu verstecken. Dass sie mit dieser grausig perfektionierten Praxis ein Kriegsverbrechen beging, war für die Hamas, die sich als Vollstrecker göttlichen Willens versteht, kein Hinderungsgrund.
Ein wichtiger Aspekt der israelischen Kriegführung war die beeindruckende nachrichtendienstliche Vorbereitung des Feldzuges. Bereits in den ersten vier Minuten der Operation griffen israelische Kampfflugzeuge einhundert Hamas-Ziele präzise an. Im Laufe der darauf folgenden drei Wochen zerstörte Israel nicht nur die Kommandozentralen der Organisation, sondern auch Waffen- und Raketenwerkstätten sowie Sprengstofflabors. Zudem konnten, so Schätzungen, rund 80 Prozent aller unter der Grenze zu Ägypten verlaufenden Schmuggeltunnels zerstört werden. Schließlich gelang es Israel, ranghohe Kommandeure der Hamas auszuschalten, unter ihnen den für den Militärapparat der Organisation verantwortlichen Innenminister von Gasa Said Siam. Offenkundig war es Israels Aufklärern im Vorfeld gelungen, die strenge Geheimhaltung und Abschottung der Hamas zu durchbrechen.
Mit dem schweren Militärschlag gegen die Hamas wurde der Kampf um eine anhaltende Beruhigung der Gasa-Front jedoch nur eingeleitet. Grundvoraussetzung für dauerhaften Erfolg ist eine Beendigung des Waffenschmuggels durch die Hamas, der bisher praktisch ungehindert über ein weit verzweigtes Netz von Grenztunneln floss. Wird dieser "Grenzverkehr" nicht unterbunden, so der israelische Inlandsicherheitsdienst Schabak, kann die Hamas binnen weniger Monate das Tunnelsystem wieder instand setzen. Jetzt schon, prahlte die Organisation nur wenige Tage nach Ende der Kämpfe, seien die ersten Tunnel wieder in betrieb genommen worden.
Die Folgen wären unabsehbar. Hatte die Organisation bisher vom Iran Raketen mit einer Reichweite von bis zu 40 Kilometern erhalten, so will das Teheraner Regime den Krieg gegen Israel nunmehr noch mehr anheizen. Nach israelischen Erkenntnissen möchte der Iran der Hamas künftig Raketen liefern, die auch Tel-Aviv erreichen können. Dann wäre ein erneutes Aufflammen der Gewalt vorprogramniert.
Das erkennt auch der Westen. Daher wollen westliche Regierungen bei der Eindämmung des Todesschmuggels helfen. Die USA haben sich dazu sogar in einem schriftlichen Memorandum verpflichtet, dessen Unterzeichnung zu den letzten Akten der Regierung Bush gehörte, nach dem sich Washington aber auch nach dem Regierungswechsel richten will. Auch Ägypten, das als Gasas Nachbar im Kampf gegen die Wiederbewaffnung der Hamas die entscheidende Rolle spielen muss, versprach, seine Grenze künftig besser abzusichern. Wohlgemerkt auch in eigenem Interesse: Ein schwer bewaffnetes, vom Iran gesteuertes, islamistisches Kalifat in Gasa kann mit Leichtigkeit auch das Land am Nil destabilisieren. Jetzt muss Israel alles daran setzen, seine Partner in Ägypten und in Übersee zur Einhaltung ihrer Zusagen zu bewegen. Sonst bekommt die Siegespropaganda der Hamas einen bitteren Beigeschmack von Wahrheit.