09.11.2004

Der „neue Antisemitismus“ - Altes Gift mit neuem Etikett

Rede von Dr. Dieter Graumann - Frankfurt/Main

Rede von Dr. Dieter Graumann, Präsidiumsmitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland und Kulturdezernent der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, anlässlich der offiziellen Gedenkveranstaltung für die Pogromnacht vom 9. November 1938 in der Paulskirche in Frankfurt/Main am 9. November 2004


In Europa blüht die alte Seuche neu auf

Der 9. November 1938 gilt zu Recht gemeinhin als eine Explosion von Sadismus, von
Vandalismus, von Mordlust, von Zerstörungswut.
Es war der keineswegs spontane, vielmehr sorgfältig gelenkte, inszenierte,
orchestrierte Ausbruch von brutaler Judenfeindschaft.

Wie ist das heute?
Die Pest von Antisemitismus ist nicht tot, sondern höchst lebendig.
In den letzten Monaten hat es zu diesem Thema, da es leider so aktuell ist, große
internationale Konferenzen und Erklärungen gegeben.

Oft wird heute dabei vom „neuen Antisemitismus“ gesprochen.
Ist er wirklich neu? Was ist dabei neu?
Oder: Handelt es sich am Ende doch nur um das alte Gift mit neuem Etikett?
Und: Wie geht das moderne, aufgeklärte Europa mit dieser Seuche um?

Antisemitismus vergeht nicht.
Aber auch der Antisemitismus geht inzwischen mit der Zeit.
Auch er geht sozusagen mit der Mode, macht sich fein und chic, um attraktiv und
akzeptabel und legitim zu erscheinen.

Natürlich gibt es noch den „alten“ – soll man etwa sagen: den „guten alten“ ? -
Antisemitismus: jener, der die Juden als rassisch minderwertig qualifiziert, sie
aussondern oder gar eliminieren will.
Das alles gibt es noch heute – aber in dieser Schlichtheit doch eher selten.

Der Antisemitismus von heute stellt sich oft anders dar als früher, chiffriert, codiert –
aber nicht weniger gehässig und verwerflich.
Heutzutage will kaum jemand mehr sich direkt als Antisemit outen.
Denn allzu sehr ist doch der offen ausgesprochene Judenhass mit dem
millionenfachen Morden, mit den monumentalen Mordfabriken verknüpft und gilt
daher politisch als nicht –oder als noch nicht wieder - korrekt.

Was also ist zu tun?
Wie soll sich denn der arme Antisemit von heute eigentlich artikulieren?
Fast könnte er einem ja leid tun:
Auschwitz leugnen soll er nicht.
Auschwitz loben darf er nicht.
Juden akzeptieren kann er nicht.
Eine verzwickte Lage.

Wie gut, dass es da Israel gibt!
Gäbe es Israel nicht, die Antisemiten von heute müssten es direkt erfinden!

Denn Israel liefert doch die perfekte Möglichkeit, uralte antisemitische Instinkte unter
der modischen, bunten Flagge von Antizionismus politisch korrekt auszuleben.

Dass das überhaupt möglich ist, müsste die Antisemiten von heute perverserweise
eigentlich zu begeisterten Zionisten machen. Aber das wäre wahrscheinlich denn
doch zu viel verlangt.

Wohlgemerkt:
Ganz sicher ist keineswegs jede Israelkritik antisemitisch. Und Kritik an israelischer
Politik ist natürlich legitim. Nirgends ist diese Kritik auch leidenschaftlicher als in
Israel selbst – ganz unabhängig übrigens davon, welche Politik dort gerade verfolgt
wird. Aber Israel ist nicht nur die einzige Demokratie der Region, sondern verfügt
außerdem über eine besonders intensive und lebendige Streitkultur.

Aber hier geht es doch um etwas ganz anderes:
Denn oft, und öfter als man denkt, dient die radikale, von Hass getragene Kritik an
Israel nur als Vehikel, um am Ende doch wieder nur den allzu vertrauten Judenhass zu
transportieren.

Neu ist das nicht: Spätestens seit Stalin und seinen Schauprozessen ist
Antizionismus zu einem Codewort für Antisemitismus geworden.

Und auch heute gibt es sehr wohl den Ersatzantisemitismus, der Israel sagt und
Juden meint.
Kritik an Israel als Alibi, als Vorwand, als Deckmantel für ausgelebte Judenfeindschaft

– das ist in Europa heute nur allzu oft rüde Realität.

In Deutschland hat das Ganze natürlich noch einen ganz besonderen Akzent, einen
ganz speziellen Geschmack.
Es ist eine „Entschuldungs-Debatte“, die geführt wird, getragen vom Wunsch, die
Schuld der Väter und Großväter zu verkleinern, indem die Kinder und Enkel der Opfer
von damals zu den Tätern von heute werden.
Daraus spricht die Fantasie – oder die Wunschvorstellung -dass Israelis und Juden
irgendwie doch auch wie die Nazis sein mögen.
Es ist der schamlose Versuch einer schuldentlastenden Projektion.
Die kontroverse Diskussion in Deutschland über das Thema Israel verursacht auch
keineswegs neuen Antisemitismus.
Nein: hier wird nur jener Antisemitismus offenbart, der schon immer vorhanden war.
Oder anders:
Wer wegen Israel zum Antisemiten wird, der war schon längst einer.

Aber natürlich ist das alles keineswegs auf Deutschland beschränkt.
In Frankreich, teilweise aber auch in Belgien, etwa hat der Antisemitismus geradezu
rasante Wachstumsraten aufzuweisen, ist sozusagen die „Wachstumsbranche“
schlechthin.
Dort findet die islamische Hasskampagne gegen Israel und gegen alle Juden offenbar
eine besonders große Resonanz.

Denn vom Islamismus – und alles Leugnen oder Verdrängen hilft hier doch nicht
weiter – bekommt der Antisemitismus von heute frische Kraft und neues Feuer.

Die Neigung in Europa, islamistische Fehlentwicklungen, einfach zu ignorieren – oder
soll man sagen: nicht einmal zu ignorieren? – ist dabei besonders fatal und
schändlich.
Wie reagiert man denn in Europa auf schlimmste Diktatur, brutale Folter, auf
systematische, schier unfassbare Unterdrückung von Frauen, von Kindern, von
Andersdenkenden ganz zu schweigen, in islamistisch regierten Ländern?
Wohlwollendes Schweigen, akute Beißhemmung, bemühtes Wegschauen.
Feigheit und Ängstlichkeit, ja auch Doppelmoral und Heuchelei - Appeasement pur.

Und wenn es dann auch noch um Länder geht, die über wirtschaftliche Macht
verfügen, sogar Erdöl exportieren – dann gibt es überhaupt keine moralischen
Bremsen mehr.
In den allerletzten Wochen erst:
Da wird ein rundherum blutrünstiges, bösartiges Regime mit einem
Freundschaftsspiel der Fußball-Nationalmannschaft aufgewertet, und ein berüchtigter,
besonders brutaler Diktator, der vermutlich wahnsinnig, sicher aber verantwortlich ist
für Tausende von Mordtaten weltweit, wird sogar durch einen großartigen
Kanzlerbesuch beehrt.
Wir alle wissen doch:
Würden diese Länder Bananen statt Erdöl exportieren – kein Mensch würde sie derart
unterwürfig hofieren. Aber so?
Öl statt Moral.
Jene, wie etwa die Grünen, die so gerne von der Moral in der Politik sprechen, habe
ich zu diesem Thema jedenfalls nicht gehört.

In Frankreich sind inzwischen mehrere Hundert Male Synagogen, jüdische Schulen
und Friedhöfe angegriffen worden.
Antizionismus?
Aber was, bitteschön, haben Angriffe auf jüdische Bethäuser, jüdische Friedhöfe und
auf jüdische Kinder in Schulen in Frankreich denn eigentlich mit dem Nah-Ost-
Konflikt zu tun?
Juden werden angegriffen, weil sie Juden sind.
Das ist Antisemitismus pur.
Was denn sonst?
Und: Wird denn Antisemitismus etwa dadurch besser, oder weniger schlimm, wenn
die Täter selbst oft Außenseiter sind?

Der Antisemitismus in Europa insgesamt ist jedenfalls definitiv stärker geworden,
lauter, gefährlicher.
Die „Europäische Beobachtungsstelle für Rassismus und Fremdenfeindlichkeit“ hat in
ihrer Studie vom April 2004 gerade das festgestellt.
Dort ist zu lesen, dass selbst in einigen Ländern, in denen es kaum antisemitische
Vorfälle gibt, der Antisemitismus dennoch in der Bevölkerung oft besonders verbreitet
und nachgerade populär ist.
Das gilt etwa für Österreich, was uns allen in dieser Hinsicht wohl vertraut und ganz
zu Recht übel beleumundet ist.
Das gilt zum Teil aber auch für ein Land wie Griechenland, wo die dortige orthodoxe
Kirche eine in dieser Hinsicht nicht immer hilfreiche Rolle spielt.
Das trifft aber auch für andere Länder zu.

Antisemitismus ist jedenfalls in Europa eindeutig aggressiver, dreister, greller
geworden, das ist nicht nur die Wahrnehmung traumatisierter Juden (wobei gilt:
selbst wer unter Verfolgungswahn leiden sollte, kann durchaus wirklich verfolgt
werden!).

Und die entscheidende Rolle spielt heutzutage der Islamismus, der einen
unversöhnlichen, ja tödlichen Hass auf Israel und auf alle Juden predigt.

Aber schaut man sich einmal genauer die grauenhaften Hetztiraden in arabischen
Zeitungen an, die wahrhaft schauerlichen Fernsehsendungen, die Hassgeschichten in
palästinensischen Schulbüchern – teilweise und zeitweise sogar mitfinanziert durch
die EU, ein kolossaler Skandal für sich! - die antisemitischen Karikaturen,
praktischerweise direkt dem „Stürmer“ entnommen, so stellt man schnell fest:
Nichts Neues unter der Sonne.

Da ist der klassische Antisemitismus europäischer Provenienz wieder auferstanden:
die gleichen Wendungen bis in die Details hinein.

Und neu an diesem Antisemitismus ist nun lediglich, dass er heute so stark über die
islamistische Schiene transportiert wird:
global, total, machtvoll, voll marktschreierischem Hass.

Freilich: Das alles ist nichts anderes als der Re- Import des in Europa erfundenen
alten Antisemitismus mit den immer gleichen Klischees:

Ritualmord, Jüdische Weltverschwörung, sogar die längst vergilbten „Protokolle der
Weisen von Zion“ (ein ausgesprochen dummes Machwerk des zaristischen
Geheimdienstes, vor genau hundert Jahren fabriziert) werden wieder ausgegraben,
werden reanimiert und exhumiert.
Es sind die immer gleichen Mechanismen:
Denunzierung, Dämonisierung, Stereotypisierung.

Antisemitismus hatte seine Quelle und mörderischen Wurzeln aber immer in Europa.
Doch inzwischen ist er zu einer weltweiten Krankheit geworden – die Globalisierung
umfasst mittlerweile auch den schlimmsten Judenhass.

Freilich sollte nun niemand etwa denken, hier seien vom Islamismus lediglich Israel
und die Juden gemeint (beide werden hier bezeichnenderweise immer als Synonym
verwendet), und andere kämen so einfach davon.
Nein:
Jeder modern lebenden Mensch, und insbesondere jede selbstbestimmt lebende Frau,
sind Ziel dieses feurigen Hasses.
Und der „Jude“ ist lediglich Symbol für alles Moderne, ja ein Codewort für ein
modernes Leben in Freiheit.
Für den Islamismus ist Israel und sind die Juden nur populistische Feindbilder, mit
denen generell und universell jede Modernität, mit denen Liberalismus, Freiheit,
Gleichberechtigung bekämpft werden.
Denn: Hier geht es um einen Generalangriff aus der Finsternis des geistigen
Mittelalters auf die gerade in Europa so hoch gehaltenen Werte, auf Toleranz und
Aufklärung schlechthin.

Und doch scheint nun gerade in Europa das Gift islamistischer Propaganda mehr und
mehr aufzugehen.

Und wenn nun osteuropäische Länder, in denen auch die zigtausendfache
Komplizenschaft mit den Judenmorden nie richtig verarbeitet, oft nicht einmal
eingestanden wird, zur EU stoßen, so birgt das – so schön und wünschenswert das
alles ohne Zweifel ist – auch neue Gefahren.
Denn der Antisemitismus lebt in Osteuropa teilweise ungeniert und ungebrochen
weiter:
Das gilt für Polen, das uns inzwischen immer wieder zeigt, dass man zum
Antisemitismus gar keine Juden mehr braucht und wo die katholische Kirche schon
immer und noch immer in dieser Hinsicht allzu oft eine verwerfliche und
niederträchtige Rolle spielte und spielt, das gilt teilweise aber auch für Ungarn, für
Rümänien, für die Slowakei und für die baltischen Länder auch.

In Europa sollte man die Sorgen der jüdischen Bürger besser ernst nehmen.
Denn Antisemitismus war in der Geschichte immer schon ein Gradmesser, ein
Indikator dafür, wie es um Toleranz und Freiheit in der ganzen Gesellschaft bestellt ist.

Elie Wiesel hat dazu einmal gesagt:
„Wir Juden haben dafür keine Antennen. Wir sind die Antennen.“

Antisemitismus ist eine Seuche, eine Pest, eine Krankheit der Menschheit.
Europa muss das Richtige tun und das Falsche unterlassen.
Nicht wegsehen. Nicht beschwichtigen.

Nicht verniedlichen. Nicht verharmlosen.
Sondern: Offensiv und entschlossen dagegen halten.

Das geschieht nun leider nicht immer.
Dafür gibt es er viele Beispiele.
Aber: Warum in die Ferne schweifen – wenn ein schlechtes Beispiel doch so nahe
liegt.
Vor genau einem Monat: Frankfurter Buchmesse.
Nun ist eine stärkere Kommunikation mit der arabischen Welt ohne Zweifel nur zu
begrüßen. Kommunikation ist allemal besser als Konfrontation.
Aber die Wahrheit ist doch auch:
Ja, bei dieser Messe wurde auch ganz offensichtlich antisemitische Literatur
ausgestellt.
Die Messeleitung, darauf mehrfach angesprochen, stellte sich taub und behauptete
einfach, das sei nicht ganz klar.
Nun: Da wurde ein Buch, um nur ein Beispiel zu nennen, mit dem schönen Titel: „The
Sin of the Jews“ angeboten. Zu lesen war in Büchern zum Beispiel, „die jüdische
Religion fordert die Vernichtung aller Völker“ und die Juden seien „sowohl die Mörder
des Propheten wie auch der größte Feind der Menschheit“.
Die Krönung fand freilich schon gleich zu Beginn statt:
Denn zur Eröffnung sprach der Bundeskanzler und auch Mohammed Salmavy, ein
weltweit bekannter, übler Antisemit und ein notorischer Holocaust-Leugner.
Darauf wurde mehrfach hingewiesen. Die Veranstalter kümmerte das nicht. Bis heute
nicht.
Dabei verdanken wir doch Mohammed Salmawy immerhin so wichtige Einsichten wie
etwa die Behauptung, die Deutschen hätten die Juden seinerzeit deportieren müssen,
weil sie schließlich eine lästige Bürde waren, die Öfen in Auschwitz – und damit wir
uns alle richtig verstehen: die Verbrennungsöfen für vorher vergaste Menschen! - hat
er tatsächlich vermessen und als zu klein befunden und den weltberühmten
Holocaust-Leugner David Irving immer aktiv unterstützt. Vor nicht langer Zeit erst hat
er einen Artikel veröffentlich mit dem feinen Titel: „Cherchez les juifs.“
Ein solcher Mann eröffnet die Frankfurter Buchmesse! Man fasst es nicht.
Und alle, alle schweigen.
Natürlich: Die Veranstalter der Buchmesse sind mit Sicherheit über jeden Verdacht
des Antisemitismus erhaben.
Aber sie haben ihn schließlich doch auch ein Stück hingenommen, zugelassen, um
des lieben Friedens willen, wie sie ihn verstehen, aus Rücksicht, aus Vorsicht.
Ein schlechtes Beispiel für moralischen Anspruch, ein gutes Beispiel für moralische
Verirrung.
Denn: Hinter dieser Haltung steht anschaulich all das, was ich zuvor als so bedenklich
beschrieben habe:
Wegschauen, Wegschauen-Wollen, Verharmlosen, aber auch: Angst, Feigheit,
Doppelmoral, Appeasement pur.

Wer den kleinen Antisemitismus toleriert, verharmlosend in Kauf nimmt, wird den
großen Antisemitismus mit Sicherheit niemals aufhalten.

Nein: Hier darf es einfach keine Kompromisse geben.
Wer hier mit Kompromissen auch nur beginnt, hat die Schlacht schon verloren.

Antisemitismus muss klar benannt und geächtet werden.

Und Antisemiten, so wichtig sie auch scheinen, gebührt generell keine prominente
Plattform, auch keine großartige Beachtung – sondern nur Verachtung.

Ich weiß:
Solche Sätze sind oft leichter gesagt als umgesetzt.

Aber hier geht es am Ende doch um eine ganz grundsätzliche Einstellung, die nichtnur gedacht und gefordert werden soll, sondern immer wieder gelebt werden muss – allen Versuchungen und allen Widerständen zum Trotz.