8. Jahrgang Nr. 12 / 19. Dezember 2008 - 22. Kislew 5769

Wo einst ein großes Wunder geschah

Chanukka 2008 - Rabbiner Dr. Joel Berger über Ursprung und Bedeutung des Lichterfestes

Chanukka erinnert uns an die Wiedereinweihung des einstigen Heiligtums von Jerusalem, das gemäß unseren Überlieferungen am 25. Kislew 164 vor der Zeitenwende - in diesem Jahr fällt der Begin des Festes auf den 22. Dezember - statt fand. Im Mittelpunkt des Festes steht der Sieg der aufständischen jüdischen Truppen, der Makkabäer, über den hellenistischen Eroberer. Mehr noch, es gelang ihnen, den entweihten Tempel wieder „diensttauglich“ zu machen.
Das Ritual des Lichterfestes orientiert sich an einer bekannten Erzählung aus dem Talmud: Bei den Vorbereitungen zur neuerlichen Tempelweihe fand man nur ein Krüglein von geweihtem Öl zum Entzünden des siebenarmigen Tempelleuchters. Der Inhalt des Krügleins brannte jedoch acht Tage lang. Daher also die Dauer des Festes von acht Tagen. Manche Quellen erwähnen als Ursprung für das Lichterfest nicht diese „Wundergeschichte“, vielmehr berichten sie von zahlreichen Episoden dieses national-religiösen Befreiungskrieges. Und noch heute steht bei den unzähligen Feierlichkeiten in den jüdischen Gemeinden der Erfolg der Aufständigen im Mittelpunkt der Feierlichkeiten.
Die Gelehrten des Talmuds hatten nicht vergessen, dass die Nachfahren der Makkabäer infolge ihrer vielen Palastrevolutionen einige Jahrzehnte später die Römer ins Land geholt haben. War das möglicherweise der Grund, der unsere Weisen dazu veranlasst haben könnte, bei der Zusammenstellung des biblischen Kanons die makkabäischen Heldensagen nicht aufzunehmen? Vermutlich ja. Es ist zweifelsohne auch ein Stück rabbinische Weisheit, die das zweifelhafte Handeln der „Geschichtsakteure“ in den Hintergrund gedrängt und das g-ttliche Handeln, das in den Makkabäerbüchern kaum eine Rolle spielt, durch eine Wundergeschichte hervorgehoben hat.
Die „Geschichtsakteure“, die Haschmonäer-Dynastie und ihre Nachfahren haben also jene Römer mit ihrem imperialistischen Gehabe ins Land geholt. Diese haben dann, gestärkt durch ihren Machtzuwachs, in der Folge das bittere Ende des Zweiten Jüdischen Staates eingeleitet. Durch die Vertreibung der Juden aus dem Heiligen Land begann das Elend des Diasporalebens und die Zerstreuung des jüdischen Volkes in alle Welt, die bis heute kein Ende gefunden hat.
Während der Jahrhunderte in der Diaspora, der ständigen Demütigungen und Lebensgefahr benötigte man den Glauben an das Wunder jener Lichter, die in die langen, kalten Nächte hinausstrahlen konnten.
Chanukka gehört nicht zu den großen biblischen Festen der Israeliten. Die Ereignisse, die dieses Fest verewigen will, sind nach unserer Auffassung nachbiblisch. Es mag für einige befremdlich wirken, dass die Rabbinen, die geistige Elite des Volkes, nicht den Freiheitskampf, nicht die Kämpfer und Helden in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen gestellt haben, sondern dass sie sich vielmehr auf das Wunder des Lichtes fokussieren. Doch: Die jüdische Geschichte ist voller Wunder. Dereinst verweigerte ein kleines Volk die damals im Orient vorherrschende hellenistische Kultur, die ihm aufgezwungen werden sollte. Eine kleine Schar von Handwerkern und Landwirten sagen „Nein“ zu den Zwangsmaßnahmen, die sie zur Säkularisation treiben will. Und dennoch gedenken wir hauptsächlich des Wunders der Lichter, die wider Erwarten acht Tage lang brannten. Militärische Siege oder Niederlagen können in Vergessenheit geraten, die Lichter im Chanukka-Leuchter, die acht Tage lang brennen, heften sich tief in unserer Seele fest.
Wie die meisten unserer Feste, so ist auch Chanukka ein inniges und fröhliches Familienfest. Laut unserer traditionellen Gebote sind wir verpflichtet das Wunder von Chanukka kundzutun und öffentlich sichtbar zu machen. Daher müssen wir die Lichter allabendlich an unsere Fensterbank stellen oder vor dem Hause anzünden.
Es ist üblich sich nach dem Lichtzünden im Familienkreis mit verschiedenen Spielen zu beschäftigen. An den Chanukka-Abenden spielten sogar stets ernsthafte Gelehrte, die sonst die Spielleidenschaft als Zeitvertreib verachtet haben. Das bekannteste dieser Spiele ist ein aus dem mittelalterlichen Deutschland stammendes Würfelspiel: „Trendel“ oder hebräisch auch „Sewiwon“ genannt. Dieser Würfel hat an vier Seiten vier hebräische Buchstaben, die den Verlauf des Spiels bestimmen. Die vier hebräischen Buchstaben auf dem Trendel ergeben einen hebräischen Satz, der daran erinnert, dass „dort einst ein großes Wunder geschah“.