8. Jahrgang Nr. 12 / 19. Dezember 2008 - 22. Kislew 5769

50 Jahre Ludwigsburg

Würdigung der Zentralen Stelle für Aufarbeitung von Nazi-Verbrechen

Der Zentralrat der Juden hat Versäumnisse der Justiz bei der Aufklärung von NS-Gräueltaten beklagt. Präsidentin Charlotte Knobloch sagte Anfang Dezember auf der Festveranstaltung zum 50. Jahrestag der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen, eine nicht zu beziffernde Zahl von Straftaten, darunter Schwerverbrechen, Tötungsdelikte, Massenverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit bleibe für immer ungesühnt. Knobloch sagte weiter, der Wettlauf gegen die Zeit bei der Aufarbeitung der NS-Verbrechen sei verloren. Schließlich blieben viele Täter ungesühnt. Der Wettlauf gegen das Vergessen dürfe jedoch nie verloren gegeben werden.
Bundespräsident Horst Köhler hat die Arbeit der Ludwigsburger Nazi-Jäger gewürdigt: “Die Zentrale Stelle zur Aufarbeitung nationalsozialistischen Unrechts in Ludwigsburg hat einen unverzichtbaren Beitrag zur Aufklärung der Verbrechen der NS-Zeit geleistet.” Die Gründung der Behörde vor 50 Jahren sei ein Bekenntnis gegen Verdrängung und für eine rechtliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit gewesen. Das Staatsoberhaupt betonte, die Tatsache, dass Deutschland heutzutage ein geachtetes Mitglied der Völkerfamilie sei, sei auch der Arbeit der Zentralstelle zu verdanken. Dennoch werde die Aufarbeitung der NS-Verbrechen immer nur ein Versuch bleiben. Er sei froh darüber, dass die jungen Leute auch heute noch fragten, wie es zum Holocaust habe kommen können.
“Denn das ist die erste und wichtigste Voraussetzung dafür, sich weltweit gegen Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu stellen.”
In ihrer Rede erwähnte Präsidentin Knobloch den aktuellen Fall John Demjanjuk. Sie forderte, alles juristisch Mögliche zu tun, um zu einer Verurteilung Demjanjuks zu gelangen. Die Ermittler werfen Demjanjuk die Beteiligung an der Ermordung von mindestens 29.000 Menschen vor. Der derzeit in den USA lebende 88-Jährige war Mitglied der Wachmannschaft im Vernichtungslager Sobibor in Polen. Die Zentrale Stelle in Ludwigsburg lieferte ihre Erkenntnisse dem Bundesgerichtshof und dieser übertrug inzwischen dem Münchner Landgericht II das Verfahren gegen den KZ-Wächter. Mit dem Gerichtsstandort München ist auch die dortige Staatsanwaltschaft für die weiteren Ermittlungen und die Anklageerhebung zuständig.
Die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg sammelt weltweit Daten zur juristischen Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Nahezu alle der etwa 17.770 Verfahren wegen NS-Verbrechen seit 1958 hängen mit der Tätigkeit der Behörde zusammen.
kna/zu