8. Jahrgang Nr. 12 / 19. Dezember 2008 - 22. Kislew 5769

Kunst in der Umzugskiste

Das Jüdische Museum in Berlin zeigt die erste große Ausstellung zum Kunstraub im Nationalsozialismus

Von Ulf Meyer

Otto Muellers Gemälde „Knabe vor zwei stehenden und einem sitzenden Mädchen“ wurde 1935 von der GeStaPo beschlagnahmt, zwei Jahre später auf der berüchtigten Ausstellung über „Entartete Kunst“ in München gezeigt und später unter Wert verkauft. Es gehörte dem Breslauer Kunstsammler Ismar Littmann, dessen Erben das Werk 1999 zurückkaufen konnten. Dies ist nur einer von zahllosen Fällen, die zeigen, dass auch heute, über sechzig Jahre nach Kriegsende der Diebstahl von Kulturgut aus jüdischem Besitz ein brisantes Thema ist. Im Zuge der „Arisierung“ durchkämmten die Nazis akribisch Wohnungen und Galerien zwischen Frankreich und dem Baltikum. Die Kunst im Besitz jüdischer Sammler war kein „Kunstbesitz“, sondern „herrenloses jüdisches Gut“.
Das Jüdische Museum Berlin beschäftigt sich in einer großen Sonderausstellung mit dem Thema „Raub und Restitution. Kulturgut aus jüdischem Besitz von 1933 bis heute“. Die Schau stellt die europaweiten Raubzüge der Nationalsozialisten zwar in ihren historischen Zusammenhang, zeigt aber zugleich, dass das Thema noch lange nicht abgeschlossen ist.
Vom Kunstraub, wichtiger Teil der immer radikaleren antisemitischen Politik der Nationalsozialisten, profitierten vor und nach 1945 nicht selten auch selbst angesehene Museen, Bibliotheken und Kunsthändler. Bisweilen bis heute. Denn in der Nachkriegszeit wurden viele berechtigte Ansprüche auf Restitution nur sporadisch befriedigt. Die DDR verweigerte Restitutionen von enteignetem Eigentum völlig. Die Berliner Schau zeigt dazu 15 prägnante Beispiele: Sie reichen von den prominenteren Sammlungen der Rothschilds bis hin zu privaten Sammlungen von Judaica, Musikinstrumenten oder Porzellan. Viele Ansprüche wurden erst nach dem Fall der Mauer anerkannt.
Zwar hatte die amerikanische Militärregierung in Deutschland schon 1947 das erste Restitutionsgesetz erlassen und für erbenloses Vermögen aus jüdischem Besitz wurde ein Jahr später die „Jewish Restitution Successor Organization (JRSO)“ als Erbe anerkannt. Trotz Bundesentschädigungs- und - rückerstattungsgesetz konnte das Unheil der NS-Organisationen „Sonderauftrag Linz“ und „Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg“ nicht wettgemacht werden. Erst 1998 wurden die „Washingtoner Grundsätze“ auf der „Konferenz über Vermögenswerte aus der Zeit des Holocaust“ verabschiedet. Darin verpflichtete sich die Bundesrepublik ihre Museen zur Provenienzforschung zum Ausgleich mit den Erben der früheren Eigentümer, unabhängig von Verjährungs- und Ausschlussfristen zu öffnen. Diese Verpflichtung machte es möglich, dass zahlreiche ungeklärte Fälle erstmals aufgerollt werden. Die Suche nach geraubter Kunst ist noch lange nicht beendet.
Gestaltet wurde die Ausstellung auf Wunsch der Kuratoren Inka Bertz und Michael Dorrmann vom Architekturbüro Wandel Hoefer Lorch Hirsch. Dieses für seine Synagogen-Entwürfe in Dresden und München berühmte Büro hat die Kunstobjekte und Dokumente mit Umzugkisten gerahmt, um den leidvollen Weg der Kunstwerke zu symbolisieren.
„Raub und Restitution“, bis 1. Februar 2009, Jüdisches Museum Berlin, Lindenstraße 9-14, 10969 Berlin, Altbau 1. OG. Die Ausstellung wird vom 22. April bis 2. August 2009 im Jüdischen Museum Frankfurt am Main gezeigt.